Architektur-Reportage: Das Leben steht im Mittelpunkt

Autos gibt es in der Siedlung Burgunder keine – und man vermisst sie auch nicht. Die Frage der Mobilität ist nur ein Aspekt der umfassenden nachhaltigen Sicht, mit welcher die Bebauung in Bern Bümpliz gestaltet wurde. Dabei überzeugt auch die Architektur.

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Das Zentrum der ersten autofreien Siedlung der Schweiz ist ein bestehendes Hofhaus, das als Teil der örtlichen Kulturgeschichte erneuert wurde und heute im Erdgeschoss einen gemeinschaftlich genutzten Bereich und eine Kinderkrippe beherbergt.

(jgl) Es regnet in Strömen, aber trotz des schlechten Wetters ist das Leben spürbar, das sich hier bei Sonnenschein im Freien abspielen mag. Als Erstes fallen die vielen Fahrräder auf, die in schlichten Unterständen stehen. Diese sind den eigentlichen Wohnbauten vorgelagert, die dreiseitig einen hofartigen Raum umschliessen. Das Zentrum der ersten autofreien Siedlung der Schweiz ist ein bestehendes Hofhaus, das als Teil der örtlichen Kulturgeschichte erneuert wurde und heute im Erdgeschoss einen gemeinschaftlich genutzten Bereich und eine Kinderkrippe beherbergt. Die Umgebung der Siedlung Burgunder, die an der Bahnlinie Bern-Freiburg liegt, ist eine Mischung aus dörflicher Bebauungsstruktur mit kleinteiligen Häusern, grossvolumigen Bürogebäuden und einem alten Fabrikareal. Der Bahnhof Bern-Bümpliz, von wo man in fünf Minuten mitten in der Stadt Bern ist, befindet sich gleich neben der Siedlung. «Das Dorfzentrum und der Wald sind ebenfalls zu Fuss erreichbar», erklärt Architekt Hanspeter Bürgi von der Bürgi Schärer Architektur und Planung AG, die zwei der Häuser mit 40 kostengünstigen Mietwohnungen für die Baugesellschaft für nachhaltiges, partizipatives und gemeinnütziges Bauen npg AG realisiert hat.

Im Quartier verankert

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Obwohl die Bebauung erst seit 2010 steht, gewinnt man den Eindruck, der Ort habe sich bereits über längere Zeit entwickeln können: Blumen blühen in den Gärten der Erdgeschosswohnungen und die privaten Aussenräume wirken belebt.
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Das städtebauliche Konzept sah vor, die beiden Bauten mit einem weiteren Volumen auf dem benachbarten Fabrikareal zu ergänzen. Diese Vision konnte praktisch gleichzeitig realisiert werden: Mit ähnlichen Zielsetzungen bezüglich Nachhaltigkeit hat die WOK Burgunder AG das dritte Wohngebäude fertig gestellt. Obwohl die Bebauung erst seit 2010 steht, gewinnt man den Eindruck, der Ort habe sich bereits über längere Zeit entwickeln können: Blumen blühen in den Gärten der Erdgeschosswohnungen und die privaten Aussenräume wirken belebt.

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Architektonisch unterscheiden sich die beiden Etappen sowohl äusserlich in der Behandlung der Fassade und den verwendeten Materialien als auch im Inneren in Bezug auf die räumliche Erschliessung und Organisation der Wohnungen. Trotzdem oder vielleicht gerade deshalb entsteht zusammen mit dem historischen Hofhaus ein abgeschlossenes Ensemble, das sich gleichzeitig gut in die nahe Umgebung einfügt. «Eine umfassende nachhaltige Sicht hat uns bei der Entwicklung der beiden Gebäude begleitet», erklärt Architekt Hanspeter Bürgi. Dabei standen ökologische, ökonomische und soziale Aspekte gleichermassen im Vordergrund.

Ästhetik der Nachhaltigkeit

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Innenausbau besteht aus Leichtbauwänden. Damit wird eine Flexibilität erreicht, die den jetzigen Mieterinnen und Mietern eine gewisse Mitsprache bei der Gestaltung der Wohnungen erlaubte.

Beide Häuser sind nach dem Standard Minergie-P-Eco gebaut und zertifiziert. Bis auf sechs Besucheparkplätze wurde gänzlich auf Autoparkplätze verzichtet, allerdings musste von den Planern nachgewiesen werden, dass die Abstellplätze bei Bedarf auf dem Areal nachträglich gebaut werden könnten. Ein Carsharing-Standplatz ergänzt das Angebot des öffentlichen Verkehrs. «Bei der Konzeption der Gebäude haben wir auf eine einfache Volumetrie und eine klare Systemtrennung geachtet», hält Hanspeter Bürgi fest. Die Struktur der Häuser besteht aus mittig angeordneten Betonkernen. Die Decken sind ebenfalls aus Beton, für die Aussenwände wurde Backstein verwendet. Die Leitungen werden offen geführt und der Innenausbau besteht aus Leichtbauwänden. Damit wird eine Flexibilität erreicht, die den jetzigen Mieterinnen und Mietern eine gewisse Mitsprache bei der Gestaltung der Wohnungen erlaubte. Gleichzeitig sind auch künftige Änderungen und Umnutzungen gut möglich. «Anpassungsfähigkeit an sich verändernde Bedürfnisse ist ebenfalls ein Aspekt des nachhaltigen Bauens», so Bürgi. Das Wohnungsangebot, das von 1 1/2 Zimmer bis 5 1/2 reicht, sollte zudem kostengünstig sein, was mit der einfachen Baustruktur gut erreicht werden konnte. Der Preis für einen Quadratmeter beträgt in der Siedlung Burgunder aktuell Fr. 200.- pro Jahr. Auch die übrigen Vorgaben bezüglich Nachhaltigkeit konnten mehr als eingehalten werden: Das zeigen erste Auswertungen der Planungswerte. «Mit 440 MJ/m2a wird der Zielwert an nicht erneuerbarer Primärenergie deutlich erreicht», hält Hanspeter Bürgi fest. Die erste autofreie Siedlung der Schweiz ist damit nicht nur ein wunderschöner Ort mit hoher Lebensqualität geworden, sondern sie ist auch klar 2'000-Watt-kompatibel. Durch wissenschaftlich begleitete Forschungsprojekte hofft man, neue Erkenntnisse für ähnliche Bauprojekte zu gewinnen.

Architekturfotografie Gempeler