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Architektur-Reportage: Im siebten Himmel
Der Architekt Gus Wüstemann hat den engen, dunklen Dachboden eines Jugendstil-Hauses in Zürich zu einer modernen Wohnung mit viel Licht, Atmosphäre und einem grandiosen Weitblick ausgebaut.

Die Jugendstil-Liegenschaft mit einer Wohnung im
Dachstock regt unweigerlich zum Träumen an: Das verwunschene Gebäude liegt in einem Zürcher Villenquartier am Waldrand. An Sommerabenden gleitet der Blick von der Terrasse über das Lichtermeer. An kälteren Tagen ist der Rückzug in die warme Gemütlichkeit und das Betrachten des Schneetreibens durch die Panoramafenster möglich.
Auch nach ihrer
Renovation hat die zum Mehrfamilienhaus umfunktionierte ehemalige Malschule die Aura eines Märchenschlosses bewahrt. Der Architekt Gus Wüstemann ist bei seiner Arbeit mit viel Respekt vor der alten Bausubstanz und den Gegebenheiten der Umgebung vorgegangen. «Ich möchte aus Altem Neues entstehen lassen, ohne das Bestehende zu zerstören», sagt der Zürcher. Diese Maxime hat er auch beim Um- und Ausbau der Etage unter dem Steildach befolgt und dabei seine eigenen Vorstellungen vom Wohnen verwirklicht.
Die Idee ist der Hammer
Wüstemann wollte die alten Raumstrukturen bestehen lassen, sie neu beleben und zusätzliche Interpretations- und Nutzungsmöglichkeiten schaffen – und gleichzeitig eine maximale Öffnung gegen Stadt, Wald und See erreichen. Das Resultat ist eine loftartige Wohnung als lichtdurchflutete, wandelbare Landschaft, in der sich das Leben zwischen zwei Elementen abspielt: dem ursprünglichen Raumvolumen, das sich in den gekalkten Wänden und dem weissen Boden materialisiert, und einer neu geschaffenen, begehbaren Einheit, die der Architekt wegen ihrer Form im Grundriss als «Hammer» bezeichnet.

Diese eher martialisch anmutende Bezeichnung beschreibt exakt die skulpturale, wandelbare MDF-Konstruktion, die in die Dachschräge eingefügt ist und sich über die ganze Wohnungslänge hinzieht. Sie birgt auf einer Zwischenetage ein schmales
Büro und geht in eine spektakuläre Terrasse über. Ebenerdig bildet sie eine Schlafnische, das
Bad und einen Schrankraum.
Die perfekte Welle
Als weiteres Element seines Gestaltungsschemas bezeichnet Wüstemann eine konzeptuelle «Welle», die das weisse Volumen des Dachstocks durchschneidet: Ein Bereich des Bodens im Essbereich ist mit schwarzem Epoxidharz belegt und schwappt als glänzendes Band durch den Raum, um sich durch das Panoramafenster in den am Fusse des Zürichbergs gelegenen See zu ergiessen. Dieser Welle entwachsen eine Kochinsel und der Treppenaufgang zur oberen Etage wie Skulpturen.

Die Übergänge zwischen den einzelnen Wohnungsbereichen sind fliessend: Schlaf- und Aufenthaltsraum, die als Einheit erscheinen können, lassen sich mit verschiebbaren Elementen des «Hammers» unterteilen. Auch das offen konzipierte Badezimmer kann bei Bedarf vom
Schlafbereich abgetrennt werden. Dadurch entstehen Intimbereiche, die in loftartigen Wohnungen häufig fehlen. Schliesst man einen Raum ab, öffnen sich gleichzeitig vorher verborgene Nischen, denn auch Stauraum liegt hinter den MDF-Schiebeelementen verborgen.
Text: Rebekka Kiesewetter, Zeitschrift «Umbauen+Renovieren»
Bilder: Bruno Helbling

Letzte Aktualisierung:
11.01.2012