Seite drucken

Minergie in Masdar City

In der Stadt der Zukunft, die sich vollständig durch erneuerbare Energien versorgen will, entsteht schon bald ein Schweizer Dorf. Für die Schweiz eine Chance, Wissen im Bereich Nachhaltigkeit und Cleantech international bekannt zu machen. Aber ist ein Label wie Minergie überhaupt für den Export geeignet?

Ungefähr 30 Kilometer von Abu Dhabi entfernt, entsteht in den Vereinigten Arabischen Emiraten die erste Ökostadt der Welt, Masdar City.  (ted/pd) Ungefähr 30 Kilometer von Abu Dhabi entfernt, entsteht in den Vereinigten Arabischen Emiraten die erste Ökostadt der Welt, Masdar City. In dieser CO²-neutralen Stadt wird keine fossile Energie verbraucht und der anfallende Müll verwertet, kompostiert oder zu Energie umgewandelt. Ab 2018 sollen in Masdar (arabisch für «Quelle») 50'000 Menschen leben und 90'000 täglich arbeiten. Die werden sich dort nicht mit dem Auto, sondern mit einer elektrischen Schwebebahn, zu Fuss oder per Fahrrad fortbewegen. Die Stadt wird sich selber durch erneuerbare Energien versorgen und die Wasserversorgung ist durch solarbetriebene Entsalzungsanlagen gewährleistet.
Mit dem gigantischen Projekt und Investitionen von 22 Milliarden Dollar machen sich die Erdölproduzenten fit für die Zeit nach dem Öl und können gleichzeitig zu globalen Vorreitern auf dem Gebiet der erneuerbaren Energien werden.
Swiss Village an bester Lage
Die Schweiz kann sich als bisher einziges Land ein eigenes Quartier in der Ökostadt Masdar einrichten. Die Vereinbarung für den Bau des Swiss Village wurde zwischen Masdar und der Swiss Village Abu Dhabi Association (SVA) unterzeichnet. Vorangetrieben wurde das Projekt vom Exportförderer Osec im Rahmen der Stabilisierungsmassnahmen des Bundes zur Stützung der Konjunktur und der Wirtschaftsinitiative Nachhaltigkeit Schweiz (SSI). Eine grosse Chance besteht dadurch vor allem für die Schweizer «Cleantech»-Branche. So können ökologische Innovationen aus der Schweiz für Interessenten aus der Golfregion und für die gesamte Branche weltweit sichtbar zu machen.
Das 20 Hektar grosse «Swiss Village», das im Zentrum der Stadt, direkt neben dem Masdar Institute for Science and Technology entstehen soll, wird von Schweizer Architekten und Designern entworfen und nach Schweizer Qualitäts- und Minergie-Standards von Schweizer Firmen gebaut. Bereits engagieren sich Unternehmen wie Implenia, Geberit und Oerlikon für das Schweizer Dorf in Masdar.

Hausinfo hat Armin Binz, Leiter Minergie Agentur Bau, drei Fragen zu diesem Thema gestellt:

1. Wie stehen Sie zu der Idee, Minergie nach Masdar zu exportieren?
MINERGIE-Bauten sind energieeffiziente, aber auch komfortable und langfristig werthaltige Gebäude. Sie repräsentieren im Baubereich das, wofür Schweizer Produkte in der Welt generell bekannt sind: hohe Qualität und hervorragenden Nutzwert. Wenn in Masdar ein «Swiss Village» realisiert wird, gibt es keinen besseren Weg, als die Gebäude mit diesem Qualitätslabel auszustatten. Damit dürfte auch das Bedürfnis entstehen, weitere Bauten nach diesem Standard zu realisieren und dazu Schweizer Know-how und Bautechnologie zu beanspruchen. Ein derart neues Einsatzgebiet für MINERGIE, wie es die Golfregion darstellt, wird aber auch zum Motor für Innovationen im Baubereich, sowohl für MINERGIE selber, wie auch für die involvierten Firmen. Bei gutem Gelingen ist es durchaus möglich, dass MINERGIE in weitere Regionen vorstösst.
 
2. Lässt sich Minergie, das hier dank dem starken ökologischen Bewusstsein erfolgreich ist, überhaupt exportieren?
MINERGIE-Bauweise führt zu integral besserer Bau- und Nutzungsqualität. Neben guter Werthaltigkeit bedeutet dies im Wohnbereich aussergewöhnlich hohen Komfort, mit den entsprechenden Beziehungen zu Gesundheit und Wohlbefinden. Im Arbeitsbereich, v.a. in heissen Klimata, sind davon auch die Arbeitsmotivation und die Leistungsfähigkeit beeinflusst. Der tiefe Energiebedarf und damit die hohe Umweltverträglichkeit ist zwar ein zentrales Element von MINERGIE. Der Entscheid für die MINERGIE-Bauweise ist aber auch sinnvoll, wenn das ökologische Anliegen nicht im Vordergrund steht. Im Falle von Masdar muss allerdings angefügt werden, dass diese Stadt weltweit unerreichte ökologische Zielsetzungen verfolgt, die Wahl von MINERGIE deshalb doppelt angezeigt.
 
3. Wie müssten die Minergie-Standards an die klimatischen Verhältnisse von Masdar angepasst werden?
Das MINERGIE-Zertifkat für ein Gebäude wird seit Anfang dieses Jahres nur noch vergeben, wenn die Bauweise einen guten Komfort im Sommer ermöglicht und dies auch nachgewiesen wird. MINERGIE hat damit Lehren aus den bereits merkbaren Effekten der Klimaerwärmung gezogen. In den klimatischen Gegebenheiten von Masdar drehen sich die Fragen von Komfort und Energiebedarf nicht um die Beheizung, sondern um die sommerliche Überhitzung und wie diese mit baulichen und technischen Massnahmen so in Schach gehalten werden kann, dass der Verbrauch an nichterneuerbarer Energie ein Bruchteil dessen beträgt, wie er in den dort üblichen Bauten festgestellt werden kann. Die technischen Grundrezepte von MINERGIE sind dafür durchaus valabel: guter Wärmeschutz der Gebäudehülle (gegen die Hitze), leistungsfähige Beschattung der Fenster, energieeffiziente Geräte und Beleuchtung, eine Komfortlüftung mit der Möglichkeit, die Kühle der Innenluft zurück zu gewinnen und eine effiziente Kühlmöglichkeit. Allerdings ist offensichtlich: Im Detail muss noch einiges geklärt werden, bevor MINERGIE für Masdar konkret definiert werden kann. Etwa, auf welche gesetzlichen Bestimmungen ist Rücksicht zu nehmen? Welche Grenzwerte können und müssen gefordert werden? usw.



Text: hausinfo
Bild: zvg


Möchten Sie den Energieverbrauch einer Immobilie erfahren? Oder steht die Sanierung Ihres Eigenheims an? «Haus-Check» gibt verlässliche Antworten auf Ihre Energiefragen.
 

Letzte Aktualisierung: 13.12.2011