«Irgendwoher muss der Strom kommen»

«Irgendwoher muss der Strom kommen»
Franz Bürgi, Geschäftsführer der Sol-E Suisse AG, dem Tochterunternehmen der BKW für neue erneuerbare Energien, über steigenden Stromverbrauch, nachhaltige Stromproduktion und den Widerstand, der sich dagegen regt.

Franz Bürgi, Geschäftsführer der Sol-E Suisse AG2008 betrug der gesamte Stromverbrauch in der Schweiz 58,7 Milliarden kWh, womit ein neuer Rekordwert erreicht war. Wie beurteilen Sie die Entwicklung des Stromverbrauchs im Spannungsfeld von Geräten, deren Energieeffizienz stetig zunimmt, und einer steigenden Anzahl von Anwendungen?
Franz Bürgi: Trotz des grossen Potenzials für Effizienzsteigerungen erleben wir eine ungebremste Zunahme des Stromkonsums. Dies ist auf die demografische Entwicklung wie auch auf die zunehmende «Elektrifizierung» aller Alltagsbereiche zurückzuführen. Wir beobachten auch eine zunehmende Substitution fossiler Energieträger durch Strom Elektromobilität, Stromverbrauch von Wärmepumpen. Der Gesamtenergieverbrauch ist dagegen insgesamt rückläufig. Die steigende Effizienz macht sich besonders im fossilen Bereich, d.h. beispielsweise beim Benzinverbrauch von Neuwagen am augenfälligsten bemerkbar.

Welche Rolle spielt die zunehmende Vernetzung im Wohnbereich, deren erklärtes Ziel es ja ist, den Energieverbrauch zu senken?
Das Sparpotenzial beim intelligenten Wohnen liegt in erster Linie nicht beim Strom, sondern beim Gesamtenergieverbrauch, wobei hier vor allem eine verbesserte Gebäudeisolation grosse Wirkung zeigt. Intelligentes Wohnen ermöglicht die Nutzung von Sparpotenzialen und die Optimierung des Stromverbrauchs, wenn beispielsweise automatisch Lichter ausgeschaltet werden, die nicht benötigt werden. Zumindest ein Teil dieser Stromeinsparung wird jedoch für den Betrieb der Gebäudeintelligenz wieder benötigt.

Auch Netze sind intelligent. Wie können Sie mit ihnen den Stromverbrauch sinnvoll steuern?
Intelligente Netze, so genannte smart grids, optimieren einerseits die Last und andererseits den Verbrauch. Im Netz muss immer so viel Strom zur Verfügung stehen, wie gebraucht wird. Ansonsten droht ein Kollaps. Ein intelligentes Netz sorgt nun dafür, dass Angebot und Nachfrage automatisch im Gleichgewicht stehen. Ein Kraftwerk erhält Signale, so viel Strom zu produzieren, wie gerade benötigt wird. Die einzelnen Konsumenten haben dabei auch finanzielle Vorteile, da diese über entsprechende Preissignale einen Anreiz erhalten, zu Niedertarifen Strom zu beziehen. So geht etwa der Geschirrspüler erst dann los, wenn der Strom am günstigsten ist. In Ittigen betreiben wir zusammen mit der IBM und der Post das Pilotprojekt Inergie, das den intelligenten Stromverbrauch erforscht.

Zur Strategie der BKW zählt eine langfristig CO2-freie Produktion. Weshalb?
Wir berücksichtigen damit internationale und nationale Zielvorgaben, die im Hinblick auf den Schutz des Klimas äusserst sinnvoll sind.

Welcher Zeitrahmen schwebt Ihnen dabei vor?
Ein paar Jahrzehnte. Heute produzieren wir bereits den grössten Teil CO2-frei und verfolgen in der Schweiz keine neuen Projekte im thermischen Bereich. Wegen der ungewissen Entwicklung der Kernenergie in der Schweiz können wir übergangsweise aber nicht ganz auf fossil-thermische Energieträger wie Kohle und Erdgas, bei denen CO2 freigesetzt wird, verzichten.

Ist eine CO2-freie Produktion mit AKWs überhaupt möglich?
Die Nutzung der Kernkraft ist nahezu CO2-frei, da einzig beim Uranabbau CO2 emittiert wird.

Welches Marktpotenzial weisen private Hauseigentümer auf, die mit Photovoltaik ein «Kleinkraftwerk» betreiben, d.h. Strom ins Netz einspeisen?
Wenn wir von ca. 700'000 Eigenheimbesitzern mit je einer Photovoltaikanlage von 100 m² und einer idealen Ausrichtung des Daches ausgehen, kommen wir auf eine Jahresproduktion von 10 Megawattstunden pro Gebäude, was total ca. 10-15 % des heutigen Stromverbrauchs ausmacht. Die Realität sieht aber anders aus: Sonnenenergie ist aus Sicht der Gestehungskosten immer noch relativ teuer, so dass wir von der so genannten Grid Parity, dem gleichen Preis für Strom aus Sonnenenergie und übrigem Strom, im Unterschied zu anderen Ländern noch weit entfernt sind. 

Wie sieht es mit der Einspeisevergütung aus?
Sie ist für Photovoltaikanlagen derzeit blockiert. Wenn sich dies ändert, werden sofort wieder neue Anlagen hinzukommen. Die Gestehungskosten der Technologie treten wegen der Einspeisevergütung etwas in den Hintergrund.

Die Bioenergieanlage Bätterkinden soll nach ihrer Inbetriebnahme diesen Herbst mit vergärbarer Biomasse 2'100'000 kWh pro Jahr erzeugen, was einem Stromverbrauch von 600 Haushaltungen entspricht. Was bringen solche Anlagen?
Das hängt ganz von Ihrem Blickwinkel ab. Die projektierten Kleinwasserkraftwerke im Kiental beispielsweise liefern Strom für das ganze Tal – schweizweit gesehen ist ihr Anteil jedoch sehr klein. Ziel des Bundes ist es, bis ins Jahr 2030 5,4 Terrawattstunden Strom mit neuen erneuerbaren Energien wie Biomasse, Kleinwasserkraftwerke, Holz-, Sonnen- oder Windenergie zu produzieren. Diese Menge entspricht grob 10 % des heutigen Verbrauchs. Dieses Ziel ist realistisch, zeigt aber auch, dass die neuen erneuerbaren Energien nicht alle Probleme lösen können – 90 % des Stroms muss auch in 20 Jahren noch auf andere Weise erzeugt werden. Die Strategie des Bundesrats basiert denn auch auf den Säulen Energieeffizienz, erneuerbare Energien sowie Grosskraftwerken.

Wie teuer ist Ökostrom?
Die Kosten pro Kilowattstunde berechnen sich aus der Leistung, der Anzahl Volllaststunden und den Investitions- sowie Betriebskosten einer Anlage. Ein Kleinwasserkraftwerk läuft 3000-4000 Stunden im Jahr, da im Winterhalbjahr die Produktion mehrheitlich eingestellt ist. Photovoltaikanlagen im Mittelland produzieren während etwa 1000 Stunden, Windturbinen an einem sehr guten Standort während ca. 2000 Stunden. Biomasseanlagen dagegen produzieren während 7000 bis 8000 Stunden. Die Gestehungskosten pro Kilowattstunde sind abhängig von der Technologie. Bei der Photovoltaik liegen sie zwischen 45 und 80 Rappen pro Kilowattstunde, bei der Kleinwasserkraft zwischen 15 und 25 Rappen und bei Windanlagen rund bei 20 Rappen. Bei der Biomasse betragen sie 15 bis 35 Rappen. 

Eine nachhaltige Stromerzeugung scheint nicht vereinbar mit nachhaltigem Tourismus, wie man an der zunehmenden Zahl von Rinnsalen sieht, die einst als Wildbäche durch die Alpen flossen. Wie erleben Sie dieses Spannungsfeld?
Wir stehen mittendrin. Auf der einen Seite richten wir uns nach dem Ziel des Bundes und halten uns an die gesetzlichen Grundlagen wie zum Beispiel die Vorgaben bezüglich der Restwassermenge. Im Kanton Bern ist momentan übrigens eine Wasserstrategie in der Vernehmlassung, die zeigt, an welchen Flussläufen Wasserkraftwerke möglich sind und an welchen nicht. Auf der anderen Seite stellt ein Kraftwerk trotz aller Massnahmen, welche die Umweltverträglichkeit fördern, immer einen Eingriff in die Natur dar. Unsere Erfahrung zeigt, dass viele Menschen Stromerzeugung mit erneuerbaren Energien gut heissen, aber nicht an Orten, wo sie selbst direkt betroffen sind. Wir befinden uns mit all unseren Projekten deshalb immer auf einer Gratwanderung und verfolgen nur diejenigen, bei denen wir davon ausgehen können, dass sie gute Chancen für eine Realisation aufweisen und nicht massive Widerstände auslösen.

Was heisst das beispielsweise für das im Reichenbachtal unterhalb von Rosenlaui geplante Wasserkraftwerk Schattenhalb 4?
Bei Wasserkraftwerken ist der Widerstand wegen der ausserordentlich aktiven Anspruchsgruppen wie Landschaftsschutz oder Fischerei generell gross. Manche dieser Partikularinteressen sind nachvollziehbar, etwa der Wunsch nach schönen Bachläufen oder Wasserfällen. Bei Windprojekten erleben wir ähnlichen Widerstand, man fürchtet, dass auf den Jurahöhen bald Hunderte von Windturbinen stehen könnten. Das Gespräch mit Vertretern dieser Partikularinteressen wie zum Beispiel dem WWF oder Pro Natura gehört zu unserem Job. Trotzdem: Ein Gegner eines Kleinwasserkraftwerks müsste im Grunde ehrlicherweise Kernenergie unterstützen – beides zu bekämpfen, ist unsinnig: Irgendwoher muss der Strom kommen. 

Wie lässt sich eine nachhaltige Stromerzeugung mit der Tatsache vereinbaren, dass z.B. 2008 mehr Strom erzeugt als verbraucht wurde?
Wir produzieren zwar in der Summe mehr als wir verbrauchen, weisen aber Phasen auf, in denen wir Strom importieren. Das ist insbesondere im Winter der Fall, wenn nicht viel Wasser fliesst. Der überschüssige Strom geht in den Export, was nichts Anrüchiges ist: Die Schweiz produziert unter dem Blickwinkel der CO2-Emissionen vorteilhaften Strom. In Spitzenzeiten sorgen die schweizerischen Pumpspeicherwerke für die Stabilität der europäischen Netze. Ausserdem ist es für die Schweiz als Wirtschaftsstandort wichtig, dass wir mehr Strom produzieren als wir verbrauchen.

Wie nachhaltig sind Ihre Kundinnen und Kunden: Wie viele verlangen (teureren) Ökostrom?
Detaillierte Zahlen geben wir nicht bekannt, aber die Nachfrage übersteigt das Angebot. Die BKW verkauft seit mehr als 12 Jahren Ökostrom, der anlagegebunden ist. Beim «Wind Star» etwa, unserem Strom aus Windenergie, haben wir mit 4 Turbinen angefangen und werden jetzt auf 16 ausbauen. Auch der Sonnenstrom vom Stade de Suisse ist für dieses Jahr schon verkauft.

2008 entstammten gut 56% der Stromproduktion aus Wasserkraftwerken. Wie schätzen Sie die Zukunft der Wasserkraftwerke angesichts des Klimawandels ein?
Der Rückgang der Gletscher wird die Wasserkraftproduktion sicher beeinflussen. Zu Buche schlagen aber nicht nur die Entwicklung der Gletscher, sondern auch die Niederschläge im Einzugsgebiet eines Kraftwerks. Unsicherheiten bestehen vor allem bei Kleinwasserkraftwerken, weil dies Laufkraftwerke sind, die immer nur mit der tatsächlich vorhandenen Wassermenge arbeiten können. Für uns haben deshalb Speicherkraftwerke, die das Wasser in Stauseen halten, eine grosse Bedeutung. Die BKW ist an den Kraftwerken Oberhasli beteiligt, wo wir eine Erhöhung der Staumauern im Grimselgebiet anstreben. Wie die Zukunft aber tatsächlich aussehen wird, wissen wir nicht.

Ist eine nachhaltige Stromerzeugung nicht grundsätzlich ein Widerspruch in sich?
Stromproduktion stellt immer ein Eingriff in die Natur dar, mit weniger Kraftwerken würden diese Eingriffe geringer. Nachhaltiges Handeln beschränkt sich aber nicht nur auf ökologische Belange. Wirtschaftliche und gesellschaftliche Aspekte gehören ebenfalls dazu. Als Versorger versuchen wir sicherzustellen, dass unsere Kunden nachhaltig, d.h. wirtschaftlich und umweltschonend, mit Strom beliefert werden, damit sie ihren Aktivitäten nachgehen können. Vor diesem Hintergrund scheint mir die Steigerung der Effizienz von elektronischen Geräten eine gute Lösung: Sie berücksichtigt wirtschaftliche, gesellschaftliche und ökologische Anliegen. Hier können wir zudem als Konsumenten individuelle Entscheide treffen, die positive Auswirkungen aufs Ganze haben können.

Text: hausinfo
Bild: zvg
Letzte Aktualisierung: 05.05.2010

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