Möbelmesse Mailand 2011: Stoffe, die in den Raum wachsen
Zum 50. Jubiläum präsentierte sich die Möbelmesse Mailand farbenfroh, verspielt und eigenwillig. Statt Retro-Chic war das Ausloten technischer Möglichkeiten angesagt – mit viel versprechenden Ergebnissen. Die Wohntrends 2011.
(mei) Buntes prägte 2011 die Hallen der Möbelmesse Mailand. Vor allem Blau in allen Schattierungen hatte es den Standeinrichtern angetan, aber auch Violett- und Rosatöne, die von Pink bis Altrosa reichten, überraschten immer wieder. Und nicht nur das: Kombiniert werden durfte, was gefiel, und das schien so ziemlich alles zu sein – von schrill über knallig bis dezent. Am buntesten trieb es einmal mehr der italienische Möbelhersteller Kartell, noch nie ein Kind von Traurigkeit, der seine Produkte dieses Jahr in Las-Vegas-Manier inszenierte. Auch wenn diese Farbenpracht kaum den Weg in die heimischen Wohnzimmer finden dürfte, ein Fest fürs Auge und die Sinne war sie allemal. Die dritte Dimension

Federführend in Sachen Stil zeigte sich die Spanierin Patricia Urquiola, die ihrer vorwiegend männlichen Konkurrenz Jahr für Jahr den Rang abläuft. Ihre Bezüge sind taktiler denn je und scheinen mit ihrer dreidimensionalen Ausprägung geradezu in den Raum zu wachsen. Am deutlichsten zeigte sich dies in ihrem Sessel «Biknit», den sie für den italienischen Möbelhersteller Moroso entwarf. Er zeichnet sich – wie sein Name andeutet – durch einen groben Strick aus, bei dem Oberfläche und Struktur eins werden. Die verwendeten Kunststoffmaterialien sind so widerstandsfähig, dass sich der Sessel auch für den Einsatz im Outdoor-Bereich eignet. Urquiolas Handschrift prägt auch ihr Sofa «Foliage», das von Kartell hergestellt wird. Seine gesamte Sitzfläche und Rückseite weist eine im Steppstich applizierte Stickerei auf, so dass es von allen Seiten als Blickfang dienen kann. Ein ebenfalls ausserordentlich taktiles Objekt ist das Sofa «Sfatto» von Edra, was auf Deutsch so viel wie Knautschsofa heisst. Zu Recht, zeugt das scheinbar durchwetzte Sofa mit handgemachtem Finish doch von den Spuren des Lebens – der Designer Francesco Binfaré hat mit diesem Objekt eine Vorstellung von Ästhetik umgesetzt, die weit von Perfektionismus entfernt ist. Das Spiel mit der dritten Dimension noch einmal anders angegangen ist der schwedische Hersteller Blå Station. Sein Stuhl «Spook kommt einer optischen Täuschung gleich: Er ist nicht etwa mit weichen Stoffen überzogen, wie sein Look suggeriert, sondern aus Kunststoff gefertigt und dementsprechend hart.
Ecken und Kanten

Einen Raumteiler, der so viel mehr ist, zeigte Classicon mit der Neuauflage des von Eileen Gray in den 20er-Jahren entworfenen «Brick Screen». Für die Herstellung des Luxusobjekts, das beste Chancen hat, wie sein Original zum raren Sammlerstück zu avancieren, scheute das Unternehmen keine Mühe: Es liess feste und bewegliche Paneele in wochenlanger Handarbeit lackieren, trocknen, schleifen und polieren, bis schliesslich eine makellose Oberfläche entstand. Mehr als ein Raumteiler ist auch das von Atelier Oï kreierte «Staccato» aus dem Hause Röthlisberger Kollektion, welches die ursprünglichste Kraft des Materials Holz zum Ausdruck zu bringen vermag. Regal und Raumteiler in einem, scheint es in seiner skulpturalen Ästhetik mit ausgeprägten Ecken und Kanten fast mit dem «Brick Screen» verwandt zu sein. Die aus Eiche gefertigten Doppelmodule, die kein herkömmliches Oben und Unten kennen, erlauben eine individuelle Erweiterung je nach Wunsch und Raumsituation. Flexibel ist auch das modulare, mehrfach patentierte System «Fortepiano» von Molteni, dessen Anbauregale vertikal, horizontal und beidseitig ausgerichtet an der Wand befestigt werden können.
Ausgeklügelte Technik Beim Spiel mit den technischen Möglichkeiten machte Vitra heuer gleich mit zwei technischen Innovationen im Stuhlbereich auf sich aufmerksam – das Resultat einer Zusammenarbeit mit neuen Designern. Edward Barber und Jay Osgersby entwickelten «Tip Ton», einen robusten Stuhl aus reinem Kunststoff, der um neun Grad nach vorne geneigt werden kann und dort arretiert. Diese Sitzposition, die Becken und Rückgrat aufrichtet und damit die Durchblutung fördert, war bislang vergleichsweise teuren Bürostühlen vorbehalten. Auch Alfredo Häberli hat sich für Vitra einiges einfallen lassen: Er hat mit «Jill» einen Stuhl mit organisch geformter Sitzschale geschaffen, bei dessen Herstellung die Furniere wie ein Band gebogen werden, damit sie in der Sitzfläche aneinanderstossen. Praktisch und ästhetisch zugleich ist auch der «Drehklappen-Tisch» von Thut Möbel, der in seiner Grösse gleich verdoppelt werden kann. Mit seiner ausgeklügelten Technik und dem klaren Look steht er für Designmöbel, wie sie sein sollten: Konzeptionell ausgereift und von solch zeitloser Ästhetik, dass sie nicht nur für Jahre, sondern Jahrzehnte gefallen.
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Datum:
08.02.2012
Letzte Aktualisierung:
03.05.2011
URL:
http://www.hausinfo.ch/home/de/wohnen/Moebelmesse-Mailand.html