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Kolumne «Glücklich wohnen»: Das Roth Bett «455»

 
Nicht gerade die Marilyn Monroe der Betten: das Modell «455» von Alfred Roth.Zugegeben, wie Marilyn Monroe wirkt dieses Bett nicht unbedingt. Denn obwohl es im Gestell durchaus die eine oder andere Kurve aufweist, so bleibt das Einer-Bett mit der heutigen Bezeichnung «455» im Gesamteindruck doch eher übersichtlich. Trotzdem sollte man sich durch seine bescheidene Ausstrahlung nicht vorschnell täuschen lassen. So unauffällig wie der Wurf von Alfred Roth (1903-1998) auf den ersten Blick scheinen mag, unterschätzen sollte man das Bett mit der nüchternen Ziffer dennoch nicht. Nicht umsonst nämlich zählt Roth zu den grossen Schweizer Architekten des 20. Jahrhunderts.
 
Punkt eins: Das Bett ist erschwinglich (das ist doch immerhin etwas!). Dann im Aufstellen und Abbauen so einfach wie in ein Nachthemd zu steigen (was man längst nicht von jedem Bett behaupten kann!). Und wenn man darauf liegt, dann liegt man eben flach, voilà! Kein Herumgewabbere wie bei einem Trapezkünstler, der bloss krabbelnd aus dem Sprungtuch findet. Nein, auch keine überflüssigen Schaltknöpfe, keine Seitentischchen, die am Sonntagmorgen zack aus dem Nichts plötzlich aufklappen. Kein bequemes Kopfteil (gut...nächster Punkt) und keine Lämpchen oder geheimnisvolle Schublädchen, nur die pure Transparenz. Sieht man davon ab, dass bei diesem Bett seit 1927 inzwischen lediglich ein Lattenrost aufgelegt wird und nicht mehr Sprungfedern, so ist das Roth Bett «455» seit achtzig Jahren auch noch die Treue selbst. Gleiches würden von berühmten Blondinen wohl nur Mutige behaupten.
 
Doch soviel spröde Zurückhaltung zieht hie und da auch Missverständnisse an. Fälschlicherweise wird das Bett des Schweizer Architekten und ETH-Professors von einigen noch immer für einen Entwurf von Le Corbusiers gehalten. Dabei hat es Alfred Roth aus Wangen an der Aare bloss früh in das Pariser Büro des Grossmeisters geschafft und den Prototypen entwickelt, weil er für eine Nische eben unbedingt ein «schiebbares Bett auf Kufen» benötigte. Dass man den Kufenklassiker seither nur als Bett gebraucht, ist ein weiteres Missverständnis, denn selbstverständlich kann man es auch zu einem Day Bed im Wohnzimmer aufschütteln. Bezogen mit einem Vichy gemusterten Tuch, mit einem bunt gestreiften Webstoff oder mit einer schlichten, einfarbigen Decke (sonnengelb vielleicht?) und ergänzt mit einer Nackenrolle, wirkt das Roth Bett «455» dort vielleicht nicht ausgesprochen sexy, dafür umso gemütlicher. Gäste, die sonst für ein Wochenende auf dem klapprigen, pardon, dem «für eine Nacht geht das»-Klappsofa vorbeischauen, werden es sicher schätzen.
 
An ein elegantes «Day Bed» von Eileen Gray (1925) und auch an die luxuriöse Minimalistenliege von Mies van der Rohe (1929) kommt dieses Bett im Wohnbereich zwar nicht heran. Und so angezogen auch nicht an die leicht bekleidete Marilyn Monroe. Doch dafür entfaltet das Roth Bett «455» eine Aura, bei der man gerne alles vergisst. Sogar, wie aufregend dieses Bett doch immer wieder ist.
 
 
von Delia Lenoir
Bild: zvg

Letzte Aktualisierung: 02.02.2011

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