Kolumne «Glücklich wohnen»: Die Alge im Wohnzimmer

An manchen Stränden ist die im Sommer zuhauf auftretende Alge nicht ausnehmend beliebt. Verblüffend aber mag sein, dass sie im Wohnzimmer wirklich dekorativ aussieht. Die französischen Designerbrüder Ronan und Erwan Bouroullec haben sich mit ihrer «Algue» aus Kunststoff nämlich ein Objekt einfallen lassen, bei dem es weder an Witz noch an Phantasie mangelt. Das fängt schon beim ersten Zusammentreffen mit diesem künstlichen Meeresgebilde an: Manch einer weiss gar nicht, wofür man die durchgestylte Alge eigentlich gebrauchen soll. Aber immerhin, man darf raten und jede Antwort ist richtig. Als spleenige Wandverschönerung vielleicht? Aber sicher, warum nicht. Ein fröhliches Objekt fürs Badezimmer? Auch möglich. Oder der Untersetzer für ein Weinglas? Aha! Das ist neu. Aber die jungen Designer würden sich eher auf die Zunge beissen als potenziellen Kunden im Ratespiel die Lösung zuzuflüstern. Denn genau dafür ist ihre Wohn-Alge schliesslich gedacht: Zum Herumexperimentieren, eine Alge mit einer anderen zusammen zu stecken und sie wieder auseinander zu nehmen. Kurz, zum Spielen, damit man sich fühlt wie einst im Kinderzimmer.Weit von Lego-Bauklötzen ist dieses Prinzip jedenfalls nicht entfernt.
Modul um ModulNatürlich ist diese modulare Wohnart längst im Trend, denn sonst hätten die trendigen und jungen Franzosen sie vor drei Jahren sicher nicht entworfen. Im Gegenteil, die Brüder Bouroullec haben diese Wohnart sogar wieder neu erfunden, irgendwie jedenfalls. Und obwohl sich solche Bausteine inzwischen auch in der übrigen Designwelt finden wie Sand am Meer, so funktionieren sie anhand der Alge der Bouroullecs halt ganz besonders gut: Wenn erst mehrere einzelne Algen zusammen gefügt sind, dann halten sie nämlich tatsächlich zusammen, und trotzdem braucht es keine Zange, um sie wieder zu entzweien. Die Modul-Alge passt sich mit ihrem etwas anderen Vegetationsgrün auch ziemlich jedem Inneneinrichtungsstil an – wie eine Topfpflanze. Und die Farbvariante Rot bietet für besonders Phantasievolle sogar die Aussicht auf eine filigran geästelte Koralle. Mit ihren durchschnittlich 4.50 Franken pro Stück ist sie zudem verhältnismässig günstig und lässt sich bereits im Anfängerset von 6 Stück einkaufen –bis man sich entschieden hat, ob man sich mit ein paar Algen mehr im Wohnzimmer nicht vielleicht doch einen Raumteiler schaffen will. Oder einen Vorhang.
Bescheiden und flach
Wie die echte Alge bleibt die «Algue» aber am Ende ein Ding, das am liebsten leger vor sich hindümpelt. Das sich mal an eine Wand schmiegt und dann wieder irgendwo flach herum liegt. Ein Ding, das einem, weil es so feingliedrig und bescheiden daher kommt, auch bei längerem Betrachten nie wirklich auf die Nerven geht und so unersetzlich werden könnte wie die Jalousie.
Gut möglich, dass den ideenreichen Bretonen bald ein neues Stück einfällt, mit dem sie ihre Konsumenten spitzbübisch rätseln lassen. In der Zwischenzeit aber liefert die Alge daheim ein wunderbares Gefühl von sommerlicher Unbeschwertheit – selbst dann, wenn die Ferien irgendwann vorbei sind.
von Delia Lenoir
Bilder: Vitra (Andreas Sütterlin, Nicole Bachmann); Design: Ronan & Erwan Bouroullec, 2004
Letzte Aktualisierung:
30.03.2011

