
Eine kleine Citytour im Herbst ist nie verkehrt. Auch wenn die Ferien vorbei sind, tut es doch gut, sich für den Weg zur Arbeit aufs Velo zu schwingen oder sich am Wochenende ein bisschen zu bewegen. Für diese Gelegenheit gibt es ein Fahrrad, das im Wohnzimmer ebenso stilvoll aussieht wie es auf der Strasse Aufsehen erregt: das «Twenty».
In Gedenken an Hannes Wettstein
Vielleicht wundern Sie sich, warum gerade ein Velo? Im Wohnzimmer gibt es Dringlicheres, das es anzuschaffen gilt, könnte man meinen. Nun, zum einen ist es so, dass dieser Entwurf vom Schweizer Designer Hannes Wettstein stammt, der vor kurzem, erst fünfzigjährig, in Zürich verstorben ist. Und wer ihn gekannt hat, weiss natürlich, dass der Stille, auch Kantige, der Beobachter nie ein Velo designt hätte, dass man in der Garage lieber hinter den Werkzeugkasten quetscht.
Nein, auch wer ihn nicht gekannt hat, darf getrost davon ausgehen, dass der Designer analysiert, gekämpft, lange gefackelt und am Ende jeweils ebenso leise wie überlegen gewonnen hat. Seine Entwürfe für das Setdesign des Schweizer Fernsehen etwa wurden mehrfach ausgezeichnet.
Und zum anderen bleibt es natürlich nach wie vor cool (und manchmal notwendig), sein Bike in die Stadtwohnung zu integrieren. Seit den Neunziger Jahren verkörpert das Velo immerhin die individuelle Lebensweise, die eigene Identität. Ganz nach dem zeitgemässen Motto: Bewegung erzeugt Bewegung. Das Velo ist also, wie ein Sofa oder ein Sessel auch, ein Bestandteil des Wohn-Ambientes geworden.
Dass es dafür nicht einmal Bahn brechend Neues braucht, hat der Designer Hannes Wettstein mit seinem «Twenty»-Entwurf bewiesen. Anders als andere Berufskollegen hat sich der Zürcher nämlich nie auf die zwanghaften Suche nach ungewöhnlichen oder kapriziösen Formen begeben. Vielmehr hinterfragte er kontinuierlich die bestehende Typologien und passte sie dann den sich verändernden Lebensbedingungen an. Das gilt für seine Velo-Serie ebenso wie beispielsweise für seinen Gartentisch, bei dem er einen roten Knopf anbrachte, der an den Bierdeckel erinnert, den man sonst gern unter den Tisch schiebt, damit er nicht wackelt.
Design-Bike fürs Wohnzimmer
Seine Velo-Serie «Est» besteht aus Unisexmodellen. Unterschiede für Damen und Herren gibt es nicht. Heutzutage schwinge man sich eher mit einem Bag auf dem Rücken als mit wallenden Roben aufs Velo, hatte der Designer beobachtet. Und so passte er diese neuen Verhältnisse seinem Entwurf an. Damit man in unserer schnelllebigen Zeit rascher vom Fleck kommt, erlaubt das gerade, abfallende Oberrohr der «Est»-Serie eine optimale Kraftübertragung.
Geschafft, und das betonte Hannes Wettstein zu Lebzeiten regelmässig, habe er dieses mentale Ringen und das Finden der jeweils passenden Lösung mit seinem rund 25-köpfigen Team, welches das Atelier seit seinem Tode in seinem Sinne erfolgreich weiterführt. Das «Twenty» mit seinen kleinen 20 Zoll-Rädern ist in seiner Auflage zwar limitiert, aber es bleibt in seiner Art ebenso einmalig wie sein Schöpfer.
von Delia Lenoir
Bild: zvg