Architektur-Reportage: Wenn das Dach zum Kraftwerk wird

Ein Bauernhaus im Seeländer Dorf Brüttelen besticht mit einem ungewöhnlichen Süddach: Es besteht aus einer gebäudeintegrierten Photovoltaik-Anlage, welche die konventionellen Dachziegel ersetzt. So viel Ästhetik überzeugte nicht nur die Bauherren, sondern auch den Denkmal- und Heimatschutz.

(mei) Das zweitälteste Haus in Brüttelen im bernischen Seeland hat eine wechselhafte Geschichte hinter sich: 1764 erbaut, diente es erst lange Zeit als traditionelles Bauernhaus. In den 1990er-Jahren brachen für das alte Gebäude neuen Zeiten an: Es wechselte zweimal den Eigentümer, wobei es nur knapp einer Zerstückelung in mehrere Stockwerkeigentumseinheiten entging. 1997 fand es mit dem Ehepaar Doris und Marcel Lobsiger-Schürch Besitzer, die das Gebäude in seiner Ganzheit erhalten wollten.

Im Bad mit grosser Wanne wurde Sumpfkalk als Verputz gewählt.
Im Bad mit grosser Wanne wurde Sumpfkalk als Verputz gewählt.
Die rechtsgedrehte Treppe befindet sich im Einklang mit den ayurvedischen Ansichten über gesundes Bauen.
Die rechtsgedrehte Treppe befindet sich im Einklang mit den ayurvedischen Ansichten über gesundes Bauen.

Bauernhaus mit Wohlfühl-Faktor

Das Bauherrenpaar begann anfangs 1998 mit den ersten Umbauarbeiten, die fast ein Jahr dauern sollten. «Wir betrieben eine Art «Wiederherstellungschirurgie» und bauten sämtliche Unterteilungen für die Eigentumswohnungen zurück: Insgesamt entfernten wir rund 24 Tonnen Beton und ca. zehn Lastwagenladungen Backsteinmauern», erinnert sich Doris Lobsiger-Schürch. Die Bauherrin legte bei der Renovation grossen Wert auf Ökologie: Sie hat nebst den Tannen- und Eichenholzböden auch die zahlreichen Fenstereinfassungen des grossen Hauses geölt sowie natürliche Materialien wie Lehm und Sumpfkalk als Verputz bzw. Marmor und Kalk für die Anstriche gewählt. So viel Umweltbewusstsein kommt nicht von ungefähr: Das Bauherrenpaar ist in Ayurveda ausgebildet und kennt sich auch mit dessen Lehre des gesunden Bauens – Vaastu genannt – bestens aus. Aus diesem Grund finden sich im Hause des Paars auffällig viele abgerundete Kanten: Auf Ecken sollte gemäss dieser indischen Lehre nämlich verzichtet werden. Das Ergebnis so vieler Anstrengungen ist ein Haus, in dem man sich richtig wohlfühlt.

Photovoltaik trotz Ortsbildschutz

Im Jahr 2013 war eine weitere Sanierungsetappe angesagt, in deren Zug auch das Dach erneuert wurde. «Um einen Beitrag zur Energiezukunft zu leisten, entschieden wir uns für ein Dach mit einer Photovoltaik-Anlage», erklärt Marcel Lobsiger-Schürch. Dieses musste jedoch erst einmal gefunden werden: Weil das Gebäude unter Denkmal- und Heimatschutz steht, kam nur ein Dach in Frage, dessen Ästhetik sich mit dem Schutz des Ortbildes in Einklang bringen liess – auch wenn die fragliche Dachseite dem Dorfkern von Brüttelen abgewandt ist.

2013 wurde das konventionelle Dach in eine kleines Kraftwerk verwandelt.
2013 wurde das konventionelle Dach in eine kleines Kraftwerk verwandelt.

Die etwas anderen Ziegel

Fündig wurden die Bauherren bei Solaire Suisse aus Münsingen. Die Firma ist auf gebäudeintegrierte Photovoltaik-Anlagen mit schuppenartigen Solarziegeln spezialisiert, die konventionelle Dachziegel vollständig ersetzen und Kälte, Hitze, Feuchte, Hagel, Wind und Schnee trotzen. Die selbstreinigenden Ziegel können auf jedes Mass verlegt werden und eignen sich für Dächer ab einem Neigungswinkel von 3°. Vorzeigeobjekt des Unternehmens ist das weltweit grösste gebäudeintegrierte Solarkraftwerk Saint Charles Solaire im französischen Perpignan, das 97'000 Solarziegel umfasst. In Brüttelen kamen ungleich weniger Ziegel zum Einsatz: Verbaut wurden insgesamt 312 Stück, die voraussichtlich 30'000 kWh Strom pro Jahr produzieren werden. Trotz Ölheizung ist die Energiebilanz des alten Gebäudes nun ausgeglichen. Berücksichtigt man die Ölheizung, welche das Bauherrenpaar übernommen hat, ergibt sich sogar ein energetisches Gleichgewicht zwischen Energieproduktion und Energieverbrauch. Eine weitere Besonderheit der Dachsüdseite ist der Einbau von transparenten Ziegeln, die eine bessere Tageslichtnutzung im Obergeschoss ermöglichen.

Spezielle, transparente Ziegel ergänzen die Solarziegel und bringen viel Licht ins Haus
Spezielle, transparente Ziegel ergänzen die Solarziegel und bringen viel Licht ins Haus

Gäste sind willkommen

Die Dacherneuerung war die vorläufig letzte Etappe des Gebäudeumbaus. Dennoch denken die beiden Bauherren bereits weiter: Wenn die Ölheizung einmal ersetzt werden muss, soll eine ökologischere Alternative den Zuschlag erhalten. Ein Thema ist auch die solare Warmwasseraufbereitung, für die sich die Photovoltaik-Anlage nachrüsten liesse. Mit dieser Massnahme würde das Gebäude gar zum Plusenergiehaus. Vorerst aber freuen sich Doris und Marcel Lobsiger-Schürch über den Platz in ihrem Bauernhaus: Sie haben darin mehrere Gästezimmer eingerichtet, die sie als B&B mit oder ohne ayurvedische Behandlungen vermieten.

Der Eingangsbereich – fast wie anno dazumal.
Der Eingangsbereich – fast wie anno dazumal.

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