Chinagarten daheim anlegen

Die Harmonie von Erde, Himmel, Steinen, Wasser, Gebäuden, Wegen und Pflanzen zu erreichen, das ist das Ziel der chinesischen Gartengestaltung. Berühmt sind der Yu-Garten in Shanghai und die Gartenanlagen von Suzhou (UNESCO-Weltkulturerbe).

Wie Vogelschwingen erheben sich die Dächer im Garten des bescheidenen Beamten in Suzhou.
Wie Vogelschwingen erheben sich die Dächer im Garten des bescheidenen Beamten in Suzhou.

Das Wasser ist für jeden Asiaten die Seele des Gartens, so wie das Blut im menschlichen Körper. Der Pekinger Gartenarchitekt Li Jiale sagt: «Der Berg erzeugt das Wasser», und so hat, zumindest im klassischen chinesischen Garten, das Wasser immer eine Beziehung zu Felsen. Felsformationen sind wie die Knochen im Körper: sie geben dem Garten erst den Halt. Bei der Anordnung wird darauf geachtet, dass sie nicht symmetrisch stehen, sondern nach dem Vorbild von Berggipfeln Windungen und Wellenbewegungen ergeben und so ein pittoreskes Spiel von Licht und Schatten liefern. Die grotesken, bizarr geformten, massigen grauen Brocken spielen im Chinagarten eine ähnliche Rolle wie die Staudenrabatten in einem englischen Garten.

Es gibt mehrere Gründe für diese besondere Vorliebe der Chinesen, und alle haben etwas mit der magischen Bedeutung der Berge und mit der besonderen und metaphysischen Verehrung der Steine zu tun. In China symbolisierten einst fünf heilige Berge das Zentrum und die vier Enden der Welt. Auch grosse oder seltsam geformte Felsbrocken galten von jeher als machtvoll und wurden als lokale Gottheiten verehrt. In ihnen, so glaubte man, verdichteten sich Kraft und Wildheit der Natur, und auch sie liessen auf wohlwollend-magische Weise dem Gartenbesitzer so etwas wie Unsterblichkeit zuteil werden. Zu einem wahren Fieber wuchs sich die Steinverehrung dann im 11. und 12. Jahrhundert aus. Die gigantische Steinsammlung des Kaisers Hui-tsung ruinierte die Finanzen des Reiches.

Symbolik der Pflanzen

Die Winterkirsche bewundert man für ihren Mut, an frostfreien Tagen schon im Januar ihre Blüte zu öffnen. Chrysanthemen blühen dagegen im unwirtlichen Herbst und beweisen Zähigkeit und Tapferkeit. Sie zählen zur Gruppe der «Pflanzen des Langen Lebens». Bambus mit seinen knotenartigen Stengeln symbolisiert die Stufen auf dem Weg zur Erleuchtung. Im Garten des bescheidenen Beamten oder demütigen Politikers sind im Frühling die Seen gläsern-reflektierende Flächen. Im Sommer aber sorgen die Lotospflanzen (Symbol der Wiedergeburt) für eine jahreszeitliche Veränderung. Sie entwickeln ihre Blätter und Blüten und verwandeln das Wasser in eine grüne, blühende Fläche. In den Höfen werden die Pflanzen bewusst spärlich eingesetzt. Einzigartige Bonsais, alte Granatapfelbäume oder eine eigenwillige Kiefer sind die ruhenden Pole. Die Föhre oder Kiefer verkörpert das männliche Prinzip unter den Bäumen. Überall spielen die Fabeltiere eine wichtige Rolle. Das Qilin, das chinesische Einhorn, zählt neben dem Drachen, der Schildkröte und dem Phönix zu den vier Wundertieren. Seit alters ist es Sinnbild für Kindersegen und Klugheit.

Architektonische Gärten

Einen äusserst wichtigen Platz nehmen im Chinagarten die Bauwerke ein: Pavillons und Hallen mit ihren Dächern, die sich wie Vogelschwingen zum Himmel heben oder an die Hörner eines Stiers erinnern, gehören zum Gartenbild. Die Hallen mit Mahagoni- und Rosenholzmöbel im Qing-Stil sollen als Erholungsraum dienen, denn an solchem Ort übte sich der klassisch Gebildete zusammen mit Gleichgesinnten bei einer Tasse Tee oder einem Glas Wein in Musik, Kalligraphie, Dichtkunst usw. Terrassen laden ein, die Szenerie zu geniessen oder den Fischen im Wasser zuzuschauen. Wandelgänge verbinden die Erlebnisräume. Im Sommer spenden sie Schatten, im Winter bieten sie Schutz vor Regen und Schnee. Mit Glyzinien oder Rosen überwachsen, verwandeln sie sich in einen Blütenhimmel. Ein Chinagarten ist ein Gesamtkunstwerk, das Natur, Kunst, Philosophie und Dichtung vereinigt.

Zusätzliche Informationen

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