Duftende Blütentröge

Die Terrasse in luftiger Höhe – mit Kräutern und Sträuchern – ist zugleich moderner Wohngarten und natürlicher Naherholungsraum. Zwischen grazilen Sträuchern und Kletterpflanzen sind kleine und feine Pflanzenschönheiten gut aufgehoben. In grosszügigen Trögen wirken sie als gelungene Einheit.

In der Höhe eines Dachgartens sind die Kübelpflanzen besonders grossen Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen ausgesetzt.
In der Höhe eines Dachgartens sind die Kübelpflanzen besonders grossen Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen ausgesetzt.

«Wir haben den Garten auf die Dachterrasse gezügelt», sagt Christian Wissler, Mathematiker aus Jona. Wer sich dabei einige Kistchen mit Sommerblumen und kleine, aneinandergereihte Töpfchen mit Kräutern und Stauden vorstellt, liegt falsch. Auf der Dachterrasse von Christian und Domenica Wissler findet man sich in einem Duft- und Zwiebelgarten wieder. Hier entspannt man sich zwischen mannshohen Blütensträuchern und tafelt gemütlich im Schatten einer Pergola. Auf ein richtiges Gartengefühl wollte die Familie beim Bezug ihrer Dachwohnung nicht verzichten. Deshalb wurde der Terrassengarten sorgfältig und ausführlich geplant. Mit grossen, üppig bewachsenen Gefässen wirkt man einem Töpfchengarten entgegen, eine automatische Bewässerung übernimmt die tägliche Pflege.

Vereinte Kräfte

Der Terrassengarten ist ein Gemeinschaftsprojekt: Der Gestaltung der Tröge nahm sich das Architekturbüro Bachmann Wassmann Planer AG in Bubikon an. In Zusammenarbeit mit einem Metallbauer, einem Schreiner und dem Gärtner Daniel Fawer entstanden zeitlose Holzgefässe. Die Grösse der einzelnen Tröge reicht von 1,50 x 2 Metern bis hin zu 1 x 4,50 Metern, bei einer Höhe von 80 cm. Die Innentröge bestehen aus unverschraubten Zementfaserplatten und die Ausseneinfassung aus Douglasföhrenlatten, welche durch einen Stahlrahmen zusammengehalten werden. Die nach Mass angefertigte Konstruktion ermöglicht die Integration einer automatischen Tröpfchenbewässerung, was sich auf einem Dachgarten als sinnvoll, wenn nicht gar zwingend erweist. Denn hier in der Höhe sind die Kübelpflanzen besonders grossen Temperatur- und Feuchtigkeitsschwankungen ausgesetzt. Entweder ist man die ganze Zeit mit Giessen beschäftigt oder man muss immer wieder einzelne Pflanzen ersetzen. Jeder Trog verfügt deshalb über eine wasserspeichernde Lecca- bzw. Drainageschicht und eine Vliesmatte und ist aufgefüllt mit spezieller Dachgartenerde. Das Material für die Tröge sowie rund 6'500 kg Erde und 250 kg Steine wurden per Kran auf die Dachterrasse gehoben und an Ort und Stelle zusammengebaut.

Erweiterter Wohnraum

Für Wisslers bedeutet die Terrasse eine deutliche Steigerung ihrer Lebensqualität. Sitzt man auf der Terrasse, ist die Sichtweite kaum eingeschränkt, was für die passionierten Wanderer und Naturliebhaber ein wichtiger Faktor ist. Auch vom grossen Wohnzimmer aus, das eine Fensterwand von der Terrasse trennt, geniesst das Ehepaar eine beeindruckende Aussicht. Im Gegensatz zum Ausblick aus einer Parterrewohnung mit Gartenanschluss wird hier das Panorama nicht durch benachbarte Gebäude eingeschränkt.

Pflanzenvielfalt

Bei der Planung der einzelnen Bepflanzungen hat sich Daniel Fawer von Fawer Staudenkulturen in Egg engagiert. Der Herausforderung, eine möglichst natürliche Bepflanzung mit Kräutern und Sträuchern zu erschaffen, hat er sich mit Freude gestellt. Je ein Duft- und Kräutergarten flankiert Pergola und Tischgruppe, neben bekannten Küchenkräutern finden sich darin Spezialitäten wie Ysop, Kleinblütige Bergminze, Lydischer Ginster und Kriechender Salbei (S. nevadensis). Ähnlich einem natürlichen Steingarten, wie man ihn oft in alpinen Zonen antrifft, ist ein weiterer Bereich bepflanzt. Hier blühen weisse Alpenveilchen (Cyclamen europaeum «Albus») zwischen Viola odorata und Leberblümchen (Hepatica nobilis), lange bevor der Kriechende Phlox (Phlox stolonifera), Lavendel «Hidcote Blue», Storchschnabel und Aster alpinus den Boden zwischen Hauswurz und Drahtstrauch mit Kraut und Blüten bedecken. Zwischen den Kleinsträuchern (Gamander, Ginster, Strauchveronika) in den Trögen entlang der Pergola sind Narzissen, botanische Tulpen und Traubenhyazinthen im Frühling wahre Muntermacher, während zwei Clematis (Clematis orientalis, C. romantika) mit unterschiedlichen Blütenzeiten im Sommer die Seitenwände aus Drahtgitter beranken. Eine grossblütige Kletterrose («New Dawn») sollte die Pergola bewachsen. Wegen des eingeschränkten Wurzelraums brachte die Rose aber statt acht Meter lange Triebe nur zweimetrige hervor. Anstelle der Pergoladachbegrünung wurde deshalb eine mobile und luftig wirkende Plane installiert. Sie garantiert an heissen Tagen angenehme Temperaturen und ist schnell wieder demontiert. Ein Schattentrog mit Strukturpflanzen (Schildfarn, Gefleckte Taubnessel, Purpur-Zwergginster, Lein, Haar-Federgras), welche vor allem durch Blätter und Formen beeindrucken, vollendet die botanische Vielfalt.

Naturverbunden

Ein Dachgarten bietet eine geschützte Privatsphäre – hier kann man sich entspannen, Gedanken nachhängen oder einfach die Natur geniessen. Domenica und Christian Wissler freuen sich über jede neue Erfahrung, welche sie nun bei der Pflege der Pflanzen machen. Die Familie lernt im eigenen Lebensraum, das Interesse wächst im gleichen Ausmass wie die Natur. Auch die Grosskinder geniessen den Garten. Kein Wunder, hat Christian Wissler doch bewusst einen geschützten Lebensraum für Schwalbenschwänze eingerichtet. Dazu lässt er Dill und Fenchelkraut bis zum Abblühen stehen und achtet darauf, Bepflanzungslücken mit Futterpflanzen für Schmetterlinge zu füllen – ein kleiner Beitrag zum Naturschutz. Inzwischen haben viele Kleine Füchse und Schwalbenschwänze den Dachgarten als Geburtsstätte und später als blüten- und nektarreiche Abflugsrampe genutzt.

Zeitschrift «Schweizer Garten» (Ruth Meyer) Artikel drucken