Wie im Märchenland

Auch im Winter haben Gärten ihren Reiz. Schnee legt eine weisse Decke über die Natur, oder eine kalte Nebelnacht zaubert Millionen Eiskristalle an die Bäume – geht dann noch die Sonne auf, ist die Märchenwelt perfekt.

Gefrierender Nebel lagert zerbrechliche Eisnadeln auf Zweigen und Samenständen ab.
Gefrierender Nebel lagert zerbrechliche Eisnadeln auf Zweigen und Samenständen ab.

Feine Spinnenfäden, die unsere Gärten durchziehen, sind normalerweise kaum sichtbar, bis sie sich in einer kalten, feuchten Nacht in Eisgirlanden verwandeln. An den schwertförmigen Blättern der Yucca wachsen dann plötzlich weisse Zotteln. Nach einer Frostnacht mutieren die braunen Samenstände der Karden zu Kristalldisteln, sogar eine Steigerung der Leuchtkraft von roten Hagebutten ist möglich. Blätter mit eisigen Umrandungen zeichnen noch dekorativer. Ein Garten im Raureifschmuck führt uns ins Märchenland, alles ist verzaubert, glitzert. Überall, wo man hinschaut, sorgen Eisablagerungen für neue Bilder. Die Voraussetzung für die Raureifbildung sind Temperaturen im Minusbereich und hohe Luftfeuchtigkeit. Wind fördert das Wachsen der Kristalle. Sie entwickeln sich sogar gegen den Wind. Dieser darf allerdings nicht zu stark sein, sonst zerstört er die empfindlichen Strukturen wieder.

Glitzernde Zauberwelt

Raureif verpasst einem Gräserhorst eine weisse Mähne und verwandelt ihn in eine Märchengestalt, die für einige Stunden das Zepter im Garten übernimmt. Dem Winteraspekt von Pflanzen gilt es Beachtung zu schenken. Werden wir nicht abgelenkt von den Sommerfarben der Blüten, entdecken wir die Schönheiten der Blattrosetten von Königskerzen, Karde, Natternkopf, Saxifraga oder Hauswurz. Übersät mit kleinen gefrorenen Wassertröpfchen, sind es Natur-Kunstwerke. Stauden, die sich nicht vollkommen in den Boden zurückziehen wie Lenzrosen, immergrüne Farne und Gräser, bringen im Winter Strukturen in die Rabatte. Auch die Samenstände von Herbstsedum, Sonnenhut oder Phlomis sind mit einer Schneehaube oder in Eiskristalle gekleidet dekorative Elemente. Immergrüne Gehölze dürfen nicht fehlen. Die Triebe der Koniferen wirken noch bizarrer, wenn die grünen Nadeln Zuwachs von zerbrechlichen Eisnadeln erhalten.

Auch das grafische Bild der Blätter von Stechpalme, Kirschlorbeer, Buchs oder Rhododendron wird durch die weisse Auszeichnung verstärkt. Einzelne bunte Herbstblätter, die an den Zweigen hängen geblieben sind oder am Boden liegen, kommen durch das Kristallkleid zu neuer Ehre. Im Wintermärchen spielt auch der malerische Wuchs von Korkenzieherhasel, Trauerweiden oder Kugelbäumchen eine wichtige Rolle. Die schönen Stämme von Zierkirsche, Platane oder die Ruten des Roten Hartriegels treten während der kalten Jahreszeit stärker in Erscheinung.

Für wechselnde Stimmung sorgt auch das Licht. Dringen die Strahlen der Wintersonne durch den diffusen Morgennebel, beginnt der Raureif zu funkeln. Traumhaft setzen sich die mit Raureif geschmückten Bäume vor einem strahlend blauen Himmel in Szene. Ist die Sonne jedoch stärker als der Nebel, verschwindet der Eiszauber schnell wieder. Interessante Beobachtungen in dieser Richtung kann man im Bereich der Nebelgrenze machen. Solche winterliche Sternstunden gilt es zu geniessen.

Zusätzliche Informationen

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