Architektur-Reportage: Aussicht mit Haus

Am Südhang im luzernischen Egolzwil hat der Architekt Raffael Kneubühler für sich und seine Partnerin ein Haus gebaut, das seine Panoramalage in jedem Raum neu würdigt.

Das Einfamilienhaus in Egolzwil grenzt an einen Rebberg.
Das Einfamilienhaus in Egolzwil grenzt an einen Rebberg.

(mei/msc) Ein wenig klein und fast etwas unscheinbar wirkt das dreistöckige Einfamilienhaus von aussen, so als möchte es im kleinen, ruhigen Egolzwil nicht auffallen. Die braunschwarze Fassade aus Fichtenholz-Latten, die sich in einem Stück horizontal über das ganze Gebäude erstrecken, lässt nicht vermuten, dass das Innere so viel Raum bietet – ein voll ausgebauter Dachstock mit Schlafzimmer, Galerie und Badezimmer macht’s möglich. Das Untergeschoss enthält neben vielen Einbauschränken lediglich Büro, Gästezimmer und Gäste-Dusche. Das eigentliche Wohnen findet im mittleren Geschoss statt: Hier befinden sich die offene Küche mit dem Essbereich und ein Wohnzimmer.

Der Terrassenrost aus Thermoesche wurde mit leicht pigmentiertem Öl behandelt.
Der Terrassenrost aus Thermoesche wurde mit leicht pigmentiertem Öl behandelt.

Äusserlich angepasst

Äusserlich fügt sich das Gebäude gut in seine Umgebung ein. Nicht nur die Fassade, sondern auch der Terrassenrost aus Thermoesche nimmt das dunkle Holz der wenigen Nachbarhäuser auf – und hebt sich mit klaren Linien dennoch von ihnen ab. Zum Parkettboden im Wohnzimmer, von wo aus die Terrasse betreten wird, bildet der Rost einen fast nahtlosen Übergang. Wenn da nicht die Patina wäre, die diesem Effekt entgegenwirkt. Kneubühler: «Wir werden den Rost mit einem leicht pigmentierten Öl nachbehandeln, damit er seine alte Färbung wieder aufnimmt.»

Panoramafenster

Die hohen Fenster im Essbereich werden der Aussicht gerecht: Von Rigi und Pilatus zur Linken bis zu den Berner Alpen und dem Napf zur Rechten reicht das Panorama.
Die hohen Fenster im Essbereich werden der Aussicht gerecht: Von Rigi und Pilatus zur Linken bis zu den Berner Alpen und dem Napf zur Rechten reicht das Panorama.

Im ganzen Gebäude bestimmen Fenster das Bild. Mal bis zum Boden reichend, mal drei Meter hoch und meist im Panoramaformat lenken sie den Blick nach draussen über die Ebenen zur Rigi und dem Pilatus, zu den Berner Alpen und hoch in den Himmel. Am allerhöchsten sieht man vom Bett aus, wo die Sterne durch die Dachfenster hineinfunkeln. Ein tief angesetztes Fenster gewährt auch in diesem Raum freien Blick auf Hügel und Berge. Die Bauherrin Corinne Winterberg: «Wir haben das Fenster genau auf der Höhe angebracht, die uns im Liegen einen weiten Blick über die Landschaft gewährt.» Von der Badewanne aus gibt es ebenfalls etwas zu sehen: Jeden Tag Rebberge und ab und zu Rehe.

Die massgefertigte Küche wirkt mit nur einem Hochschrank ungewohnt weit.
Die massgefertigte Küche wirkt mit nur einem Hochschrank ungewohnt weit.

Küche mit Freiraum

Weil Kneubühler bei diesem Bau nicht nur Architekt, sondern auch Bauherr war, standen ihm Gestaltungsmöglichkeiten offen, die er nicht immer hat. Deutlich wird dies in der Küche mit einem einzigen Hochschrank und dementsprechend viel Weite. Davon habe er seine Kunden bisher nicht überzeugen können, sagt Kneubühler. Er hat die Küche aus MDF selbst entworfen, welche der Schreiner von einem Autolackierer auf den gewünschten Hochglanz bringen liess. Die Granitabdeckung in der Küche ist nur zwei Zentimeter dick, was sie fast schon filigran erscheinen lässt.

Die Treppe und der Esstisch sind beide aus Kirschholz gefertigt.
Die Treppe und der Esstisch sind beide aus Kirschholz gefertigt.

Eigenkreationen

Eigens für den Neubau entworfen hat Kneubühler auch die Möbel im Bad und im Eingang, beide in Eichenholz mit dunkler Lasur. Ein Relikt aus früheren Zeiten ist der Schachtisch, der im Haus nicht ungeteilt Zustimmung findet und deshalb im Gästezimmer in einsamer Verbannung lebt. Auch wer Bauherr und Architekt zugleich ist, kann nicht alle Wünsche verwirklichen. Winterberg erzählt, dass sie ursprünglich verträumte Ecken einrichten wollten, doch es habe sich herausgestellt, dass diese Idee wenig praktikabel war. Stolz ist Kneubühler in einem Haus, in dem jedes Detail stimmt, auf die Treppe, deren Konstruktion im Holz verborgen bleibt. Die Treppe und der Esstisch sind beide aus Kirschholz gefertigt.

Die karminroten Wände im Korridor des Untergeschosses bilden einen markanten Kontrast zum Boden.
Die karminroten Wände im Korridor des Untergeschosses bilden einen markanten Kontrast zum Boden.

Mut zur Farbe

Kneubühler achtete darauf, möglichst wenig verschiedene Materialien zu verwenden. Für die dunklen Böden kam deshalb entweder Naturschiefer oder Räuchereiche zum Einsatz, was einen guten Kontrast zum Kirschholz ergibt, aus dem beispielsweise der Esstisch und die Treppe gefertigt wurden. Einen markanten Kontrastpunkt setzt die karminrote Wand im Wohnbereich, die viel Wärme in den Raum bringt. Der Korridor im Erdgeschoss besticht ebenfalls durch diese Farbe; hier wurden die Wände auf beiden Seiten karminrot gemalt. Die Sockelleisten hat Kneubühler bewusst weiss gehalten, damit Wand und Boden eine klare Definition erfahren.

Architekt und Bauherr in einem: Raffael Kneubühler vom Architekturbüro Chappuis Aregger Solèr AG.
Architekt und Bauherr in einem: Raffael Kneubühler vom Architekturbüro Chappuis Aregger Solèr AG.

Realisation

Winterberg erzählt, wie sie sich in Egolzwil niederliessen: «Wir haben bei einem Spaziergang das Schild gesehen, welches das Bauland zum Verkauf anbot.» Zu diesem Zeitpunkt sei für sie Wohneigentum jedoch kein Thema gewesen. Als sich dies änderte und sie am Südhang in Egolzwil Bauland suchten, war das Schild verschwunden. Nicht etwa, weil das Land mittlerweile verkauft worden war: Ein Bauer hatte das Schild mit dem Traktor versehentlich umgefahren, wie die Nachforschungen der beiden ergaben. So kamen sie doch noch zu ihrem Stück Land. Auch die Chemie zwischen ihnen und dem früheren Besitzer, der auf dem Nachbargrundstück wohnt, stimme, so Winterberg. «Es ist Bestimmung gewesen, dass wir unser Haus an dieser Stelle bauen konnten.»

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