Architektur-Reportage: Der Zeit trotzend

Schmähobjekt und ein Stück Heimat zugleich: Das Chalet ist eines der bekanntesten Erzeugnisse der helvetischen Architektur.

Dieses in Frutigen gelegene Chalet aus dem Jahr 1995 umfasst 220 m² Wohnfläche.
Dieses in Frutigen gelegene Chalet aus dem Jahr 1995 umfasst 220 m² Wohnfläche.

(mei/ves) Das Chalet gehört zur Bergregion wie die Lauben zu Bern. Traditionell wird es im Fleckenbau erstellt, bei dem Hölzer, die so genannten Flecken, waagrecht aufeinander geschichtet werden, wie der dipl. Zimmermeister und Holzbauingenieur Fritz Allenbach aus Frutigen erklärt. Ein Chalet ist erst mit Schnitzereien und einem Spruch vollständig. Der Spruch besteht aus einer Lebensweisheit, die oft religiöse Züge trägt. Er nennt in der Regel den Besitzer, das Baujahr und den Zimmermeister bzw. den Zimmereibetrieb, der ein Chalet mit seiner Handschrift versieht. Kleine Fenster sorgten früher dafür, dass der beachtliche Wärmeverlust nicht noch grösser ausfiel. Heute verfügen Chalets über eine Wärmedämmung, mit der selbst der Minergie-Standard erreicht werden kann.

Charakteristisch ist die Patina, die Verfärbung des unbehandelten Holzes.
Die Patina, d.h. die durch die Alterung hervorgerufene Verfärbung des Holzes, verleiht dem Haus Charakter.

Fassadenpflege

Die typische Chaletbauweise mit dem grossen Vordach schützt die Fassade vor Niederschlag. Einzig bei stürmischen Winden erreichen Regen, Schnee oder Hagel die Fassade. Eine spezielle Behandlung des Holzes gegen Witterungseinflüsse ist deshalb nicht nötig. Die Patina, d.h. die durch die Alterung hervorgerufene Verfärbung des Holzes, verleiht dem Haus Charakter. Wer einen unifarbenen Ton bevorzugt, kann die Fassade mit Schmierseife waschen (lassen) oder sie mit einem Sandstrahler reinigen. Dies entfernt die Verfärbungen und bringt den ursprünglichen, natürlichen Ton zurück. Eine gleichmässige Farbe lässt sich auch mit einem Anstrich erzielen, dieser sollte wegen dem Abblättern der Farbe alle 10 Jahre wiederholt werden.

Die gleichmässige Farbe dieses Chalets mit Baujahr 1972 weist daraufhin, dass es gestrichen wurde.
Die gleichmässige Farbe dieses Chalets mit Baujahr 1972 weist daraufhin, dass es gestrichen wurde.

Das Chalet im 21. Jahrhundert

Die im heutigen Standard vergleichsweise kleinen Fenster sind immer noch ein typisches Merkmal des Chalets, obwohl bautechnisch keine Notwendigkeit mehr dafür besteht. Der relativ geringe Lichteinfall ist denn auch ein wichtiger Grund für die eher stagnierende Nachfrage bei jüngeren Bauherren. Die Bärtschi Bau AG in Frutigen erstellt heute mehr Holzbauten in der 10-15 % günstigeren Elementbauweise als im Fleckenbau. Auch Ruedi Brawand von der Brawand Zimmerei AG in Grindelwald erhält mehr Aufträge für Massivbauten mit Holzverkleidung als für Chalets. Chalets besitzen jedoch klare Vorteile. So sind sie Wert erhaltend, wie Martin Ryter, Geschäftsführer und Mitinhaber der Bärtschi Bau AG, sagt: «Ein Chalet ist keiner Mode unterworfen und kann auch nach Jahrzehnten wieder verkauft werden.» Zudem ist Holz ein gut und vielseitig verarbeitbares Material, das ein gutes Raumklima schafft und dank seiner Nachhaltigkeit auch ökologisch sinnvoll ist. In diesem Sinn ist das alte Chalet moderner denn je.

Dieses in Reichenbach stehende Chalet wurde im Jahr 1993 gebaut. Eher ungewöhnlich ist der Quergiebel, der eine grössere Deckenhöhe ermöglicht.
Dieses in Reichenbach stehende Chalet wurde im Jahr 1993 gebaut. Eher ungewöhnlich ist der Quergiebel, der eine grössere Deckenhöhe ermöglicht.

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