Architektur-Reportage: Lehm, Holz und Hightech

Ein Haus aus Lehm, Holz und Stein von heimischen Landen: Was wie ein Rückzug in die Vergangenheit klingt, ist ein modernes Einfamilienhaus mit einem Konzept für die Zukunft.

Ein echtes Schweizer Haus.
Ein echtes Schweizer Haus.

(msc) Von aussen wirkt das Gebäude auf dem letzten freien Flecken in einem Wohnquartier mit Ein- und Mehrfamilienhäusern wie ein neues Einfamilienhaus des Typus «Quader mit Holzfassade» – eines jener Häuser, die man in jüngster Zeit nicht nur im aargauischen Oberentfelden auf frisch bebauten Parzellen antrifft. Doch hier steckt mehr drin: Fast ausschliesslich Materialien aus der Schweiz wurden verbaut, energietechnisch effizient und architektonisch durchdacht. Lehm, Holz und Stein, verarbeitet und verbunden mit moderner Technik machen das Haus von Florian und Stefanie Lorenzana und den Kindern Elia und Jael zu einem Gebäude, das auf Materialien mit grosser Vergangenheit baut und eine vielversprechende Zukunft vor sich hat.

Vier weitere EFH vom gleichen Typ sind hier geplant.
Vier weitere EFH vom gleichen Typ sind hier geplant.

Lorenzanas haben sich lange nach einem Haus zum Renovieren umgeschaut, bis sie vor die Ausschreibung der Architekten vom Büro projektierbar entdeckten. Dass der Bauplatz gleich neben ihrer Mehrfamilien-hauswohnung lag, kam wie gerufen: «Wir wollten in Oberentfelden bleiben, da wir kein Auto besitzen und hier alles sehr zentral ist. Ausserdem überzeugte uns die ‹Lehmidee› », sagt Florian Lorenzana.

Lehm an den Wänden und Holz am Boden: Natürliche Materialien haben Vorrang.
Lehm an den Wänden und Holz am Boden: Natürliche Materialien haben Vorrang.

Die Lehmidee

Für den Architekten Lukas Egli von projektierbar ist das Haus, von dem auf demselben Platz noch vier weitere geplant sind, «von der ersten Idee bis in die Detailumsetzung stimmig». Besonders gelungen findet er die Kombination von Holz- und Lehmbau in der Entwicklung der Schär Holzbau AG aus Altbüron (LU): «Bei Minergie-Bauten aus Holz wird gelegentlich kritisiert, dass wegen der fehlenden Speichermasse die Sonnenenergie zu wenig genutzt werden könne; mit dem Lehm wird dieses Problem behoben.»

Der Lehm bildet die innerste Schicht der Gebäudehülle. Damit kommen die positiven Eigenschaften des Baustoffs zum Tragen: Er absorbiert Gerüche, reguliert die Luftfeuchtigkeit, bietet eine vorteilhafte Akustik und ist angenehm für die Handwerker bei der Verarbeitung. Ökologisch vorbildlich stammt der Lehm als Abfallprodukt aus einer Kiesgrube im Kanton Luzern.

Ein Nachteil von Lehm sind die weichen Wände, die gelegentlich abbröckeln.
Ein Nachteil von Lehm sind die weichen Wände, die gelegentlich abbröckeln.

In einer Mischung aus Schlick, Sand und Hanfanteilen als Bindemittel wird er auf Schilfmatten gespritzt, die an die Wandelemente aus Holz angebracht sind. Im Lehm verschwinden auch Leitungen und die Wandheizung. Während ungefähr drei Wochen trocknet die Schicht und bildet zahlreiche Risse. Mit einer zweiten Schicht wird die Wand ausgeglättet. Zudem wird ein feinmaschiges Netz angebracht, auf das schliesslich die Handwerker oder Bauherren als letzte Schicht der Lehmabrieb auftragen, einen mit natürlichen Farbpigmenten angereicherten Verputz.

Nebst allen Vorteilen gibt es gewisse Einschränkungen mit dem Naturbaustoff: «Es sind weiche Wände, die gelegentlich ein bisschen brösmelen», sagt Stefanie Lorenzana. So können auch nicht beliebig schwere Bilder an der Wand aufgehängt werden, dazu braucht es Deckenschienen.

Holz von hier

Das Holz aussen und innen und der Stein in der Küche stammen aus der Schweiz.
Das Holz aussen und innen und der Stein in der Küche stammen aus der Schweiz.

Damit möglichst wenig graue Energie im Haus steckt und es auch gut wieder rückbaubar ist, kamen neben dem Erdbaustoff weitere möglichst natürliche Materialien aus möglichst naher Umgebung zum Einsatz. Die 22 cm dicken Wandelemente aus einheimischem Holz sind zur Wärmedämmung mit Zellulosefasern aus Altpapier gefüllt. Die Schalung (Fassade) bilden sägerohe Fichtenlatten, die mit Aluminiumpigment behandelt sind, damit sie regelmässiger verwittern.

Auch das Hausinnere ist neben den Lehmwänden von Holz geprägt: Die Decken sind aus gelaugter und geseifter Tanne, die dank dieser Behandlung nicht nachdunkeln sollte. Den Boden prägt ein geöltes Eschenholzparkett mit einer Besonderheit: Da die Holzbauer von Schär möglichst die ganzen Stämme verwenden, sind die Riemen unterschiedlich breit und weisen zum Teil «Unreinheiten» auf, die bei anderen Parkettherstellern ausgesondert würden. Und schliesslich ziert Gneis vom San Bernardino die Küchenabdeckung, ein Stein aus einem vor kurzem wieder in Betrieb genommenen alten Steinbruch.

Die Energie zum Heizen und fürs Warmwasser stammt ebenfalls aus der unmittelbaren Umgebung: Die Grundwasser-Wärmepumpe erreicht dank des mit konstanten 14 ºC ziemlich warmen Grundwassers einen sehr hohen Wirkungsgrad. Und den Strom, den die Wärmepumpe benötigt, möchten Lorenzanas in absehbarer Zeit auch noch selber produzieren: Sie planen, auf dem Dach eine Photovoltaikanlage zu installieren.

Durchdachte Architektur

Die dunkelrote Farbe und das Holz bestimmen aussen und innen das Erscheinungsbild.
Die dunkelrote Farbe und das Holz bestimmen aussen und innen das Erscheinungsbild.

Nicht nur die Materialisierung und das Energiekonzept sind durchdacht. «Architektonisch wollten wir ein kompaktes, aber geräumiges Haus mit spannenden Wegen realisieren», sagt Lukas Egli. Den Grundriss prägen zwei leicht verschoben aneinander gefügte Rechtecke. Das ergibt im Erdgeschoss die Einteilung in den Koch - und Essbereich und den Wohnbereich. Ein dunkles Rot setzt im Erscheinungsbild einen Akzent: Aussen ziert es Gebäudeöffnungen gegen innen wie den Eingangsbereich und die Terrasse, innen wurde im Erdgeschoss ein Kernelement mit Leitungen, Reduit, Garderobe und WC/Dusche damit gestrichen, im Obergeschoss eine Wand und ein Möbel im Bad.

Einiges an Eigenleistung

Obwohl der Ausdruck selten treffender wäre, möchten Stefanie und Florian Lorenzana ihr Heim nicht «Ökohaus» nennen. Das habe immer den Anstrich von Verzicht; komfortmässig sei es aber vor allem ein Gewinn. Ausserdem konnten die Bauherren viel selber machen: «Wir haben Decken gelaugt und geseift, Wände gespachtelt, die Grundierung und Türen gestrichen, den Terrassenrost und die Schalung des Carports installiert; das war schön», findet Stefanie Lorenzana. Der Preis von insgesamt Fr. 650 000.- für das Haus mit 180 m² Nettowohnfläche ist als Investition in die Zukunft zu sehen: Dank der Energieeffizienz sind die Nebenkosten sehr gering und dürfte der Wert – auch im Zusammenhang mit der nachhaltigen Bauweise – ziemlich hoch bleiben.

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