Architektur-Reportage: Für die Zukunft fit gemacht

Eine neue Aussenhülle und räumliche Anpassungen im Inneren bilden die Basis für einen vorbildlichen Umbau eines sanierungsbedürftigen Stadthauses in Zürich Wiedikon.

01_ar_wiedikon_4_mittel
Die Hofseite des Hauses an der Birmensdorferstrasse konnte abgebrochen und durch eine Fassade in Holzelementbauweise ersetzt werden.

(jgl) Die Birmensdorferstrasse zwischen Bahnhof und Schmiede Wiedikon ist ein Ort, an dem man mit dem Tram oder dem Auto durchfährt oder den man schnellen Schrittes hinter sich lässt. Auf Erdgeschossniveau gibt es zwar Läden und Verpflegungsmöglichkeiten, aber zum Flanieren lädt die stark frequentierte Ausfallstrasse, die in diesem Abschnitt zwar verkehrsberuhigt ist, nicht ein. Das Haus Nummer 114 ist Teil einer Randbebauung, die 1938 realisiert wurde, und liegt heute mitten in Zürich Wiedikon. Vor der Sanierung waren das Mauerwerk der Aussenwand sowie das Dach völlig ungedämmt. Einzelne Balkonplatten waren defekt und die Spenglerarbeiten mehrheitlich ersatzbedürftig. Die Wohnungstüren entsprachen nicht mehr den heutigen Brandschutzvorschriften. Ebenso erfüllten die Decken zwischen den Wohnungen die Anforderungen an den Schallschutz nicht mehr. Vor allem aber waren die eigentlich gut geschnittenen Wohnungen für heutige Bedürfnisse laut dem für den Umbau verantwortlichen Büro kämpfen für architektur ag zu klein. Die Bauherrschaft war überzeugt, dass eine Gesamterneuerung sowohl hinsichtlich Energieeffizienz als auch Ökologie vorbildlich sein sollte. Die Erneuerung der Gebäudehülle, der Ersatz der Gebäudetechnik und räumliche Anpassungen an heutige Wohnbedürfnisse zeigten sich im Laufe der Projektphase als Schwerpunkte für den Umbau des Stadthauses.

01_ar_wiedikon_5_mittel
Die Strassenfassade des Mehrfamilienhauses sollte aus Gründen des Städtebaus und der Denkmalpflege in gestalterischer Hinsicht möglichst erhalten bleiben.

Wohnungen wieder zeitgemäss

Das Mehrfamilienhaus liegt in der Quartiererhaltungszone, die einen Wohnanteil von mindestens 60 % vorschreibt. Eine Änderung der Nutzung war deshalb ebenso ausgeschlossen wie eine substanzielle Veränderung der Strassenfassade. Diese sollte aus Gründen des Städtebaus und der Denkmalpflege in gestalterischer Hinsicht möglichst erhalten bleiben. Die Hofseite des Hauses konnte hingegen abgebrochen werden und durch eine Fassade in Holzelementbauweise ersetzt werden. Die bestehende Organisation der Grundrisse kam dieser Tatsache entgegen: Während die Zimmerschicht zur Strasse hin unverändert übernommen werden konnte, liessen sich mit der neuen Aussenhülle die Grundrisse zum Hof leicht vergrössern und effizienter organisieren. Zusammen mit der zentralen Lage des Hauses bildete diese Wertsteigerung der Wohnungen die Basis für die Finanzierung der hochwertigen energetischen Sanierung des Gebäudes. Mit den vorfabrizierten Modulen liess sich die Wärmedämmleistung der Hoffassade um ein Vielfaches verbessern, von einem ursprünglichen U-Wert von 0.36 W/m2K auf 0.09 W/m2K. Auch die ursprüngliche Dachkonstruktion wurde aus statischen und geometrischen Gründen durch vorfabrizierte Module ersetzt. Die sehr guten Dämmwerte der neuen Hoffassade und des Dachs machten Kompromisse bei anderen Bauteilen möglich: So wurde die strassenseitige Fassade mit Mineralwolle gedämmt und erreicht heute einen U-Wert von 0.23 W/m2K.

Energiebedarf: Reduktion um 88 %

01_ar_wiedikon_6_quer
Der in rohem Holz belassene Anbau strukturiert die Hofseite neu und bietet Platz für den Lift und grosszügige Aussenräume der Wohnungen.
Aussenbereich
Aussenbereich

Die gewählte Lösung überzeugt auch architektonisch: Durch die nach aussen versetzte Fensterebene blieb der Ausdruck der Strassenfassade erhalten. Während die eine Balkonschicht zu Erkern ausgebaut wurde und farblich gleich behandelt ist wie der Rest der weiss gestrichenen Fassade, sind die Balkone über dem Eingang neu mit orange eingefärbten Kunstharz-Platten verkleidet und bilden einen subtilen Akzent in der Strassenfront der Blockrandbebauung. Der in rohem Holz belassene Anbau strukturiert die Hofseite neu und bietet Platz für den Lift und grosszügige Aussenräume der Wohnungen. Im Erdgeschoss des Hauses befinden sich heute zwei Ateliers mit knapp 50 respektive gut 80 Quadratmeter Fläche. Bis auf die sehr grossräumige 3 1/2-Zimmer-Wohnung mit Galerie  im Dachgeschoss verfügen die übrigen acht Wohnungen über 2 1/2 bis 3 1/2 Zimmer und Flächen zwischen 62 und 85 Quadratmeter.

01_ar_wiedikon_3_quer
Der Innenausbau der Wohnungen besteht aus Parkett für die Schlafräume und erdigen, beigen Farbtönten für Plattenboden sowie Einbauten in Küche und Bad.
Badezimmer
Badezimmer

Neben weiss gestrichenen Wänden und Decken besteht der Innenausbau der Wohnungen aus Parkett für die Schlafräume und erdigen, beigen Farbtönen für Plattenboden sowie Einbauten in Küche und Bad. Trotz der innerstädtischen Lage ist die Südfassade dank breitem Strassenraum gut besonnt: Die Räume profitieren so von der solaren Einstrahlung. Zusammen mit thermischen Sonnenkollektoren und Photovoltaikmodulen, welche die südliche Dachfläche je zur Hälfte belegen, bleibt nur ein kleiner Restenergiebedarf, der mit einer Gastherme als Heizung gedeckt wird. Die nördliche Dachfläche wurde mit Eternitplatten eingedeckt. Das umgebaute Haus erreicht den Minergie-P-Standard gut, der Energiebedarf konnte von 150'000 auf 18'000 kwh/a gesenkt werden. Damit ist das Haus wieder neuwertig und hat sowohl in architektonischer als auch in energetischer Hinsicht gute Aussichten für weitere 70 Jahre Nutzungsdauer.

Zusätzliche Informationen

© kämpfen für architektur ag, Zürich Fotos: R. Rötheli, Baden Artikel drucken

Zusätzliche Informationen