Architektur-Reportage: Ein Haus am Hang

Die Wahrnehmung ändert sich: Je nach Standpunkt ist das Zweifamilienhaus in Albisrieden ein Turm oder ein breites Haus. Im Inneren entfaltet die Betonskulptur wunderschöne Räume zum Wohnen.

Von der Hangseite aus nimmt man das Haus als zweigeschossiges Gebäude wahr, das sich in die Breite entwickelt.
Von der Hangseite aus nimmt man das Haus als zweigeschossiges Gebäude wahr, das sich in die Breite entwickelt.

(jgl) Das Zweifamilienhaus, das die Architekten Michael Meier und Marius Hug in Zürich Albisrieden gebaut haben, ist bemerkenswert. Der Bau steht in einem Einfamilienhausquartier am Fuss des Üetlibergs. Die Restparzelle innerhalb des regelmässigen Bebauungsmusters mit zwei Reihen Häusern entlang des Lyrenwegs zieht sich schmal und steil den Hang hinauf. Am oberen Ende geht dieser in Wald über. «Damit befindet sich das Haus an der Schnittstelle zwischen bebautem Raum und Natur», sagt Michael Meier, der mit seiner Familie die untere der beiden Wohnungen bewohnt. Die Dualität haben die Architekten zum Thema des Hauses gemacht: Das grundsätzlich symmetrisch aufgebaute Gebäude tritt nach allen Seiten unterschiedlich in Erscheinung, wobei jede der vier Seiten gleichwertig behandelt wird. Zur Stadt hin wirkt das Haus hoch und schmal, wie eine Art Turm. Von der Hangseite aus nimmt man es als zweigeschossiges Gebäude mit Attika wahr, das sich in die Breite entwickelt. So entsteht auch im Inneren ein vielfältiges und abwechslungsreiches Raumangebot, das die beiden unterschiedlichen Seiten – Stadt und Natur – inszeniert.

Zur Stadt hin wirkt das Gebäude hoch und schmal, wie eine Art Turm.
Zur Stadt hin wirkt das Gebäude hoch und schmal, wie eine Art Turm.

Restfläche geschickt genutzt

Was heute ganz selbstverständlich aussieht, war eine Herausforderung: «Die gesetzeskonforme Platzierung des heutigen Volumens auf dem Grundstück war eine Knacknuss», erinnert sich Michael Meier. Trotz der erlaubten maximalen Gebäudehöhe von nur 8 Meter 50 und der Vorgabe, dass maximal 50 % des untersten Geschosses über Terrain liegen durften, gelang es, vier Stockwerke zu realisieren. «Damit konnten wir das Konzept mit zwei übereinanderliegenden Familienwohnungen umsetzen, die je über zwei Geschosse organisiert sind», so Meier. Dafür legten die Architekten die vier äussersten Punkte der Fassadenabwicklung in der Höhe fest und passten das Volumen dann entlang der Höhenkurven ins Gelände ein. Entstanden ist ein präzis gesetzter Körper, der scherenschnittartig in den Raum greift. Dazu passt auch das gewählte Material des rohen Betons. Die erkerartigen Fensteröffnungen, die jeweils übers Eck laufen, sind eine Reminiszenz an die Wohnhäuser des Lyrenquartiers aus den 1930-er-Jahren. Gleichzeitig wird dadurch die ohnehin eindrückliche Weitsicht von den talseitig gelegenen Räumen über die Stadt Zürich und das Limmattal noch spektakulärer.

Beide Wohnungen verfügen über Räume, die einmal auf die Stadtseite mit Fernblick….
Beide Wohnungen verfügen über Räume, die einmal auf die Stadtseite mit Fernblick….

Ausblick und Kontemplation

Zwei nicht rechtwinklige Erschliessungskerne gliedern die achteckige Grundrissform im Erd- und Obergeschoss. Durch ihre Lage an der Fassade entsteht ein fliessendes Raumgefüge mit Nischen, das im Erdgeschoss mit Küche und Wohnraum offen gestaltet ist und im darüber liegenden Stockwerk mit raumbildenden Leichtbauwänden in abschliessbare Zimmer unterteilt wurde. Zur oberen Wohnung gehört neben diesem Geschoss zusätzlich das Attikageschoss mit vier Aussenräumen an Stelle der Erker. Die Gartenwohnung ergänzt ein gegen den Hang im Terrain liegendes Geschoss mit Schlafräumen, Badezimmer und Arbeitsraum, der über eine in die Decke eingelassene, horizontale Glasfläche belichtet wird. Das Kellergeschoss mit Garage und Technikräumen liegt vollständig im Berg – was eine aufwändige Fundation notwendig machte. Beide Wohnungen verfügen über Räume, die einmal auf die Stadtseite mit Fernblick, dann wieder auf das Grün und die Ruhe des Hangs mit Blumenwiese und Wald gerichtet sind. Mit den Leichtbauwänden und Möbeleinbauten in furnierter Braunkernesche, den schalungsglatten Betonoberflächen, den Terrazzoböden und den eloxierten Fensterrahmen entsteht eine warme Raumatmosphäre und eine materialbezogene, dezente Farbigkeit in Beige-Gold-Grau.

…dann wieder auf das Grün und die Ruhe des Hangs gerichtet sind.
…dann wieder auf das Grün und die Ruhe des Hangs gerichtet sind.

Energieeffizientes Bauen ist Standard

Die schalungsglatten Betonoberflächen sorgen für eine materialbezogene, dezente Farbigkeit.
Die schalungsglatten Betonoberflächen sorgen für eine materialbezogene, dezente Farbigkeit.

Trotz der grosszügigen räumlichen Wirkung musste im Haus am Lyrenweg wegen der Fläche von je ca. 103 Quadratmeter pro Geschoss vieles optimiert werden. So haben die Treppen alle maximale Steigungsverhältnisse. In energetischer Hinsicht erfüllt das Zweifamilienhaus den Minergie-Standard und ist mit einer Bedarfslüftung ausgestattet. Die Wärmeversorgung erfolgt über eine Wärmepumpe mit Erdsonden. Während die im Hang liegenden Geschosse aussen gedämmt sind, ist der gegen aussen sichtbare Teil mit einer Innendämmung versehen. «Trotz der grossen Fensterflächen haben wir das Raumklima dank der getroffenen Massnahmen bis jetzt als äusserst angenehm empfunden», so die Erfahrung von Michael Meier. Der Aussenraum rund ums Haus soll sich über die Jahre entwickeln können: Die Blumenwiese mit Obstbäumen und Büschen braucht Zeit, bis sie sich voll entfalten wird, und der jetzt noch rohe Betonbau wird im Lauf der Zeit zu einem berankten, grünen Körper werden, dessen Blätter sich im Herbst zu einem intensiven Rot wandeln.

Die Terrazzoböden vermitteln eine warme Raumatmosphäre.
Die Terrazzoböden vermitteln eine warme Raumatmosphäre.

Zusätzliche Informationen

Roman Keller Artikel drucken