Architektur-Reportage: Ein Holzhaus durch und durch

Ernst Niklaus Fausch Architekten haben mitten in Aarau einen Ort mit hoher Wohnqualität geschaffen. Doch das ist nur ein Aspekt des 2010 erstellten Gebäudes, das in seiner nachhaltigen Bauweise auch architektonisch überzeugt.

Eine hohe Wohnqualität für unterschiedliche Lebensphasen und –modelle zu moderaten Kosten bei möglichst geringer Umweltbelastung war das Ziel des Projekts.
Eine hohe Wohnqualität für unterschiedliche Lebensphasen und –modelle zu moderaten Kosten bei möglichst geringer Umweltbelastung war das Ziel des Projekts.

(jgl) Das erste Minergie-P-Eco-Mehrfamilienhaus des Kantons Aargau steht in der Innenstadt von Aarau. «Für uns war der Erwerb des Grundstücks ein Glücksfall», sagt Erich Niklaus vom Zürcher Architekturbüro Ernst Niklaus Fausch Architekten, der zusammen mit seiner Frau gleichzeitig auch die Bauherrschaft ist und die oberste Wohnung mit seiner Familie bewohnt. Die Möglichkeit, am Rand der Aarauer Altstadt einen Neubau zu erstellen, ist tatsächlich einmalig. «Für uns war dies auch eine Verpflichtung, möglichst nachhaltig zu bauen», erklärt Erich Niklaus. Eine hohe Wohnqualität für unterschiedliche Lebensphasen und –modelle zu moderaten Kosten bei möglichst geringer Umweltbelastung war denn auch das Ziel des Projekts. Denn schon die zentrale Lage mitten in der Stadt macht eine umweltschonende Mobilität möglich. Zusammen mit dem niedrigen Erstellungs- und Betriebsenergieverbrauch erfüllt das Gebäude die Voraussetzungen für einen 2000-Watt-Gesellschafts-kompatiblen Lebensstil. «Gleichzeitig haben wir versucht, Qualitäten, die man an einem Einfamilienhaus schätzt, ins Gebäudekonzept zu integrieren», sagt Erich Niklaus.

Die Terrasse im obersten Geschoss des Hauses ist nicht einer Partei vorbehalten, sondern steht allen zur Verfügung.
Die Terrasse im obersten Geschoss des Hauses ist nicht einer Partei vorbehalten, sondern steht allen zur Verfügung.

Es gibt einen grossen Garten, einen Keller, im dem Obst und Gemüse gelagert werden können, und eine Werkstatt mit Tageslicht – alles Angebote, welche von allen Bewohnerinnen und Bewohner genutzt werden können. Ebenfalls aussergewöhnlich ist die Terrasse im obersten Geschoss des Hauses, die nicht einer Partei vorbehalten ist, sondern allen zur Verfügung steht: Von hier geht der Blick in die Ferne bis zum Panorama des Jura. Sie hätten auch in sozialer Hinsicht ein nachhaltiges Haus entwerfen wollen, meint Erich

Eine Mauer aus Recycling-Stampfbeton fasst das Grundstück und führt zum Haus, welches die Architekten im hinteren Bereich der Parzelle platzierten.
Eine Mauer aus Recycling-Stampfbeton fasst das Grundstück und führt zum Haus, welches die Architekten im hinteren Bereich der Parzelle platzierten.

Eine Lücke geschlossen

Daneben überzeugt der Bau auch städtebaulich und architektonisch: Der viergeschossige Holzbau, der bis auf das in Recyclingbeton realisierte Treppenhaus in vier Tagen aufgerichtet war, steht im Rücken der Laurenzenvorstadt, deren Gebäude daran erinnern, dass Aarau 1798 für kurze Zeit Bundeshauptstadt war. Wie die benachbarten Grundstücke nimmt das längliche Baufeld die Parzellierung der leicht höher gelegenen Häuser der Laurenzenvorstadt auf. Vor dem Bau befanden sich hier bereits ein Parkplatz und ein Obstgarten. Heute fasst eine Mauer aus Recycling-Stampfbeton das Grundstück und führt zum Haus, welches die Architekten im hinteren Bereich der Parzelle platzierten. «So konnten die Obstbäume stehen bleiben und die Setzung des Baukörpers unterstützt die städtebaulichen Qualitäten des Ortes», erklärt Erich Niklaus das Konzept. Eine offene Gartenlaube schafft eine natürliche Grenze zwischen privatem Garten und Strassenraum. Zusätzlich strukturiert die offen gestaltete Sammlung des Regenwassers entlang des Zugangswegs das Areal.

Ein grosszügiges Dach mit runder Öffnung zum Himmel schützt den Bereich beim Eingang und bietet Platz für Fahrräder, Kinderwagen und Spielgeräte.
Ein grosszügiges Dach mit runder Öffnung zum Himmel schützt den Bereich beim Eingang und bietet Platz für Fahrräder, Kinderwagen und Spielgeräte.

Ein willkommener Nebeneffekt ist, dass die Kinder mit dem Wasser spielen können. Ein grosszügiges Dach mit runder Öffnung zum Himmel schützt den Bereich beim Eingang und bietet Platz für Fahrräder, Kinderwagen und Spielgeräte. Durch eine raumhohe Verglasung zum Hang geht hier der Blick ein erstes Mal Richtung Flussraum der Aare, der auf der rückwärtigen Seite des Hauses liegt.

Wände und Decken sind mit Gipsfaserplatten verkleidet und mit mineralischen und Leimfarben gestrichen.
Wände und Decken sind mit Gipsfaserplatten verkleidet und mit mineralischen und Leimfarben gestrichen.

Räume zum Leben

Zusammen mit dem Lift bildet die innenliegende Treppe den Kern des Hauses. Sechs Wohnungen von zweieinhalb bis fünfeinhalb Zimmer mit Wohnflächen zwischen 70 und 122 m² legen sich auf vier Stockwerken darum herum. Jede der Wohnungen hat Fenster in mindestens drei Himmelsrichtungen. Zwischen den einzelnen Räumen ergeben sich durch die Abwicklung des äusseren Volumens, welches die Architekten aus den Grenzabständen und den Mehrlängenzuschlägen abgeleitet haben, spannende Blickbezüge. Von aussen entsteht dadurch der Eindruck zweier ineinander verschränkter Körper. «Für den Ausbau der Wohnungen haben wir gesunde und ökologische Materialien gewählt», so Erich Niklaus. Wände und Decken sind mit Gipsfaserplatten verkleidet und mit mineralischen und Leimfarben gestrichen. Die Böden in den Nassräumen sind aus dunkel eingefärbtem geöltem Anhydrid, in allen anderen Räumen aus Eichenparkett. Die Küchen und Bäder wurden bewusst einfach gestaltet. Es wird mit Gas gekocht und der Geschirrspüler ist am Warmwasser angeschlossen: «Wir wollten mit möglichst wenig Strom auskommen», meint der Architekt dazu. Geheizt wird mit Pellets in Kombination mit einer Solaranlage. Die Aussenhülle des Objekts, das in Elementbauweise erstellt wurde, besteht aus sägerohen, konisch geschnittenen Weisstannenlatten. «Für Holz als Konstruktionsmaterial sprachen neben dem Zeitfaktor die eigene Vorliebe und die Leichtbaufassade, die beim Minergie-P-Eco-Standard schlanker ausfällt als bei einer vergleichbaren massiven Wand», blickt Erich Niklaus zurück. Trotz zeitweiliger Zweifel während der Bauphase aufgrund von drohenden Mehrkosten und Schallschutzproblemen zwischen den Wohnungseinheiten, hätten sie den Entscheid aber nie bereut: Durch die Optimierung der Deckenkonstruktion liessen sich die Mehrkosten auf 2 % der Gesamtkosten reduzieren und Messungen am Bau haben schliesslich gezeigt, dass sogar die erhöhten Schalldämmanforderungen eingehalten werden konnten.

Hannes Henz Artikel drucken