Architektur-Reportage: Null Energie plus Raumqualität

Der rostrote Kubus im Zürcher Quartier Höngg entwickelt wider Erwarten ein vielfältiges Innenleben. Dass das Objekt gleichzeitig ein bilanziertes Plus-Heizenergie-Haus ist, beweist einmal mehr, dass sich gute Architektur und vorbildliche Energiekonzepte nicht ausschliessen müssen.

Der einfache Baukörper entfaltet im Inneren eine räumliche Komplexität, die man von aussen nicht erwartet.
Der einfache Baukörper entfaltet im Inneren eine räumliche Komplexität, die man von aussen nicht erwartet.

(jgl) Für die Bauherrschaft des Dreifamilienhauses, das seit 2011 am Südhang des Hönggerbergs steht, war von Anfang an klar, dass der Neubau die Kriterien eines Nullenergiehauses erfüllen sollte. Mit seiner kleinteiligen Bebauung, den grossen Gärten und der Aussicht über die Stadt Zürich ist Höngg ein attraktives Wohnquartier. Der Neubau ersetzt ein Doppelhaus aus den 1940er-Jahren. «Im Gegensatz zu anderen Projekten in unserem Büro haben wir eine Erneuerung des bestehenden Gebäudes gar nicht erst in Erwägung gezogen», sagt Beat Kämpfen vom verantwortlichen Architekturbüro kämpfen für Architektur. Für den Pionier des solaren Bauens haben sowohl ökologische als auch ökonomische Überlegungen für einen Neubau gesprochen. «Insbesondere die Chance, an einer guten innerstädtischen Lage im Sinne der erwünschten Verdichtung drei qualitätsvolle Wohnungen zu realisieren, war ein wichtiges Argument dafür», sagt Kämpfen. Der einfache Baukörper, der geschickt ins Terrain eingepasst ist, entfaltet im Inneren eine räumliche Komplexität, die man von aussen nicht erwartet.

Von der Dachterrasse der Attikawohnung geht der Blick weit bis ins Limmattal.
Von der Dachterrasse der Attikawohnung geht der Blick weit bis ins Limmattal.

Die drei 4 1/2-Zimmer-Wohnungen mit Flächen zwischen 130 und 160 Quadratmeter gehen über zwei Geschosse und wirken dadurch geräumiger als sie sind. Gleichzeitig profitieren durch die verschachtelte Anordnung alle Wohnungen von der schönen Aussicht. Die zwei unteren Einheiten verfügen sowohl über einen privaten Gartenbereich als auch über einen vorgelagerten Balkon. Von der Dachterrasse der Attikawohnung geht der Blick weit bis ins Limmattal.

Mit ihrer transparenten, ins Bläulich wechselnden Farbwirkung werden die Vakuumröhrenkollektoren zu einem gestalterischen Element.
Mit ihrer transparenten, ins Bläulich wechselnden Farbwirkung werden die Vakuumröhrenkollektoren zu einem gestalterischen Element.

Kollektoren sind Teil der Architektur

Energetische Effizienz, tiefe Werte für die Graue Energie und Dauerhaftigkeit waren neben dem gestalterischen Konzept die bestimmenden Kriterien für die Wahl der Konstruktion und der eingesetzten Materialien. Bis auf die Bauteile, die unter Terrain liegen und ausschliesslich aus Recycling-Beton bestehen, ist der ganze Baukörper eine vorfabrizierte Holzelementkonstruktion. Die gegen Westen vorgelagerte Balkonschicht ist stark dem Wetter ausgesetzt und wurde deshalb aus Stahl erstellt. Zwei Felder aus Sonnenkollektoren fassen die Balkone im ersten und zweiten Obergeschoss räumlich. Die horizontal angebrachten, transluziden Vakuumröhrenkollektoren orientieren sich damit nach Süden und Westen. «Dank der unterschiedlichen Ausrichtung unterstützen sie das Heizsystem den ganzen Tag», erklärt Beat Kämpfen, «gleichzeitig verschatten sie die Balkone der grosszügig verglasten Westfassade und erzeugen dank der vertikalen Position vor allem in den Wintermonaten Energie.» Mit ihrer transparenten, ins Bläulich wechselnde Farbwirkung werden sie überdies zu einem gestalterischen Element, das gleichzeitig das passiv-solare Konzept des Gebäudes für Aussenstehende sichtbar macht.

Hochwertige Ausführung

Das exakt gegen Westen um 4 Grad geneigte Pultdach ist gänzlich mit Photovoltaikpaneelen belegt.
Das exakt gegen Westen um 4 Grad geneigte Pultdach ist gänzlich mit Photovoltaikpaneelen belegt.

Eine Erdsonden-Wärmepumpe stellt die zusätzlich notwendige Heizenergie sicher. Die Wärme wird über eine Bodenheizung verteilt, mit der die Wohnungen im Sommer auch gekühlt werden können. Das exakt gegen Westen um 4 Grad geneigte Pultdach ist gänzlich mit Photovoltaikpaneelen belegt. Auch hier war eine überzeugende gestalterische Lösung gefragt: «Der Ästhetik der Dachfläche und der sauberen Ausbildung des sichtbaren Dachrandes haben wir grosse Aufmerksamkeit geschenkt», sagt Kämpfen. Die installierte Leistung der Anlage beträgt 17.39 kWP. Mit einer berechneten Stromproduktion von 15'000 kWh lässt sich damit die ganze Energie für die Gebäudetechnik bereitstellen als auch der Stromverbrauch des Gebäudes decken.

Um die beheizte Wohnfläche so klein wie möglich zu halten, sind Lift und Treppenhaus ausserhalb des Wärmedämmperimeters angeordnet.
Um die beheizte Wohnfläche so klein wie möglich zu halten, sind Lift und Treppenhaus ausserhalb des Wärmedämmperimeters angeordnet.

Lift und Treppenhaus sind Teil des kompakten Volumens. Um die beheizte Wohnfläche so klein wie möglich zu halten, sind sie aber ausserhalb des Wärmedämmperimeters angeordnet und damit offen gestaltet. Neben seinem vorbildlichen und zukunftsfähigen Energiekonzept überzeugt das Dreifamilienhaus mit dem Einsatz hochwertiger Materialien und sorgfältig gestalteten und ausgeführten Details. Die länglichen Eternitplatten der Aussenverkleidung in einem hellen, rostroten Farbton wurden beispielsweise von einer einzigen Person von Hand aufgeklebt.

Zusätzliche Informationen

René Rötheli, Baden Artikel drucken