Architektur-Reportage: Spezialfall in Holz

Ein fast 500-jähriges, denkmalgeschütztes baufälliges Holzhaus zu einem modernen Wohnhaus umbauen: Dieses Projekt packten Luzia und Fabian Schmid in Thun an – mit überzeugendem Resultat.

Wohnen in einem uralten modernen Haus.

(msc) Ursprünglich suchten Luzia und Fabian Schmid für sich und ihre damals zwei (jetzt drei) Kinder einfach ein Haus mit Umschwung in Thun. Seit Februar wohnt die Familie in einer 6-Zimmer-Wohnung aber in einem Objekt mit langer Geschichte und vor allem mit aussergewöhnlicher (Um-)Bauphase. Zwei weitere Mietparteien in 3½-Zimmer-Wohnungen bewohnen den ehemaligen Ökonomieteil des früheren Bauernhauses.

Das verlotterte Haus mit Baujahr 1553 am Rand von Thun hätte wohl bald das Zeitliche gesegnet, sagt Luzia Schmid. Doch als 2006 der damalige Besitzer das Objekt im Internet ausschrieb, fanden Schmids Gefallen daran – aber es war ihnen zu teuer und zu riskant. Erst als ein halbes Jahr später ein Generalunternehmer gefunden war, der das ehemalige Bauernhaus zum Fixpreis restaurieren und umbauen wollte, konnten Schmids zusagen. Und so begann nach der Überschreibung 2007 ein äusserst reger Austausch zwischen den Bauherren, dem Generalunternehmer Marles Schlatter AG, Heinz Mischler von der kantonalen Denkmalpflege und der Gertsch Holzbau AG in Rüeggisberg.

«Himmeltrauriger Zustand»

Kurz vor dem Zerfall: das Haus vor dem Ab- und Umbau.

Die Ausgangslage war delikat. Das Tätschdachhaus – ein Gebäude mit nur schwach geneigtem Dach (wie die Oberländer Häuser) und ein Ständerbau (wie die Bauten des Mittellandes) – sei eines der ältesten und südlichst gelegenen dieser Art im Kanton Bern, sagt Heinz Mischler. Also sollte das ganze Haus so weit als möglich erhalten bleiben, inklusive der Raumaufteilung. Aber: «Es war in einem himmeltraurigen Zustand, nicht unterkellert und das Nachbarhaus war zu nahe an das Objekt gebaut worden», nennt Heinz Mischler die Hauptprobleme. All dies führte zum Entscheid, das Tätschdachhaus Teil für Teil abzubauen, in die Zimmerei zu transportieren, zu rekonstruieren, was nicht mehr brauchbar war, sieben Meter vom ursprünglichen Standort entfernt ein Fundament mit Keller zu errichten und das Haus wieder aufzubauen – insgesamt eine absolute Ausnahme für denkmalgeschützte Bauten, betont Mischler.

Der Wohn-Essbereich vor und nach dem Umbau.

Und es blieb nicht der einzige Kompromiss: «Das war ein Zugeständnis», sagt Luzia Schmids mehr als einmal während der Besichtigung des heutigen Wohnhauses. Etwa im «Wohnzimmer» – wer angesichts der Voraussetzungen dunkle, enge Räume erwartet, wird positiv überrascht. Wo einst Küche und zwei Zimmer waren, präsentiert sich heute ein teilweise Koch-Wohn-Essbereich. Die Denkmalpflege gestattete beispielsweise das Weglassen der Wand, die Wohn- und Essbereich in zwei Zimmer geteilt hatte, das Abflachen der Schwellen zwischen den Bereichen, liess eine nur bis auf halbe Höhe reichende Wand zwischen Küche und Wohnbereich zu und einen modernen Speicherofen anstelle eines Kachelofens.

Die Schwelle durfte abgesenkt werden und Blick von der Küche in den Wohn-Essbereich.
Blick von der «Galerie» in die Küche.

Erstaunliche Räume

In der Küche lässt eine Milchglasplatte in der Decke über der Essecke zusätzlich Licht aus der oberen Etage herein. Und über der Kochinsel macht eine grosse quadratische Öffnung den Bereich darüber praktisch zur Galerie und gibt dem EG noch mehr offenen Raum. Das sei nicht einfach ein neues Element, sagt Luzia Schmid: «An dieser Hausseite stand eine Feuerwand, 80 cm stark, etwa 7 m breit und rund 4 m hoch. Die Verrussung liess darauf schliessen, dass hier einst eine offene Rauchküche bestand.»

Die Drehläden beim Gästezimmer von innen und von aussen.

Auch die übrigen Räume im Erd- und im Obergeschoss sind zugleich hell, modern und «heimelig» im guten Sinn. Das Entrée bietet Platz für eine Garderobe und verspiegelte Wandschränke gegenüber. Eine Toilette und Dusche sowie ein grosszügiges Gästezimmer, das durch eine bis in die Mitte des Raums reichende Wand in zwei Bereiche getrennt ist, ergänzen das Raumangebot. Spezielle Drehläden lassen die zwei neuen Fenster im Gästezimmer bei Bedarf von aussen völlig unsichtbar werden.

Helle und hohe Räume im Obergeschoss.

Eine leichte, offene Treppe führt ins Obergeschoss. Der hohe Mittelraum unter dem Giebel, die «Galerie» über der Küche, leitet ins Schlafzimmer und ins grosse Kinderzimmer auf der linken Seite – beide sind zusätzlich durch eine Tür verbunden – und in ein Spielzimmer und ins Bad auf der rechten Seite. Die umlaufende Laube ist von mehreren Räumen aus betretbar.

Anspruchsvolle Holzarbeiten mit 13 Meter langen Balken und Verzierungen.

Höchstleistung in Holz

Unter anderem an der Laube ist eine weitere Besonderheit des Projekts ersichtlich: der Holzbau. Zum Beispiel dies: «Es war ziemlich schwierig, 13 Meter lange Balken zu finden, wie sie fürs Geländer der Laube oder auch für die Firstpfette nötig waren», sagt Luzia Schmid. Auch die vielen Verzierungen und Schnitzereien seien eine Herausforderung für die Holzbauer gewesen. Doch alle Parteien – Bauherren, Architekt, Denkmalpflege – sind des Lobes voll über den Einsatz der Fachleute der Rüeggisberger Zimmerei Gertsch.

Gut isolierende neue Fenster mit altem Aussehen.

Energietechnisch erfüllt das Haus locker die gesetzlichen Mindestanforderungen für neue Wohnhäuser – obwohl das bei geschützten Objekten nicht zwingend notwendig wäre. Es ist mit Steinwolle isoliert und mit Bodenheizung (Luft-Wasser-Wärmepumpe) und Speicherofen für die Übergangszeit ausgestattet. «Das Haus erreicht zwar nicht den Minergie-Standard, das wäre in den Bereichen Isolation und Komfortlüftung schwierig zu realisieren gewesen. Aber zumindest Anschlüsse für Sonnenkollektoren zur Warmwasseraufbereitung wären bereits vorhanden», sagt Luzia Schmid.

Das Haus ist umgeben von einem ebenfalls geschützten Hochstamm-Obstgarten.

Der goldene Mittelweg

Insgesamt sind alle Beteiligten mit dem anspruchsvollen Bau zufrieden: «Das Resultat ist sehr überzeugend», findet etwa der Architekt Ulrich Schmid von der Marles Schlatter AG. Ökonomisch gesehen hätte er das Projekt nicht machen sollen – aus «Freude am Bauen» aber schon. Für Denkmalpfleger Heinz Mischler wurde mit den zahlreichen Diskussionen und Entscheiden ein «goldener Mittelweg» gefunden – und die Bauherrin ist im Nachhinein sogar froh, dass sie und ihr Mann sich nicht immer durchsetzen konnten: «Man muss zuerst ein bisschen das Gefühl entwickeln fürs Wohnen in einem solchen Haus», sagt Luzia Schmid.

Nun kommt die Zeit, in der sich ihre Familie intensiver der Umgebung widmen kann. Diese ist ebenfalls etwas nicht Alltägliches: Die über 3'000 m² Umschwung mit einem Bestand alter Hochstammobstbäume sind wie das Haus geschützt. Die Stadtgärtnerei bestimmt mit, welche Bäume wie behandelt werden müssen. Und die übrige Gartengestaltung wollen Schmids nächstes Jahr anpacken.

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