Architektur-Reportage: Ein ganz aussergewöhnliches Chalet

Was von aussen ziemlich normal aussieht, offenbart im Innern viel Einzigartigkeit: Ein Chalet im bernischen Zweisimmen entpuppt sich als Minergie-P-Gebäude mit einer speziellen Innenarchitektur.

(mei) Das 2010 fertiggestellte Chalet des Bauherrenpaares Claudia und Philipp Kern ist nicht nur gross, sondern auch grosszügig. Das zeigt sich bereits im Entrée. Wo man oft wenig Platz und eine Nische für die Garderobe vorfindet, präsentiert sich hier ein offener Vorraum mit einem von dekorativen Accessoires flankierten Sideboard als Blickfang, hinter der eine Treppe ins Obergeschoss führt. Schuhe und Kleidung lassen sich in einem separaten Raum verstauen, dessen Zugang einst ein grosser Spiegel mit Holzrahmen verbergen wird. Damit ist die Handschrift der Bauherren bereits vorweggenommen: Ein Auge für Qualität, sicherer Geschmack und viel Liebe fürs Detail.

Entrée als Visitenkarte

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Bereits das Entrée ist grosszügig und bietet den Eintretenden viel Raum.

Seinen ersten Auftritt im Entrée hat der geölte Parkettboden aus französischer Seekiefer, der sich durchs gesamte Haus zieht. Seine Altholz-Ästhetik ziert sogar WC und Badezimmer – notabene ohne je mit einer Fussleiste in Berührung zu kommen. Das wäre unschön, so das Verdikt der Bauherren. Ansprechend ist hingegen die Farbe Schwarz, die sich in Bad und Küche ausleben darf. Und das, ohne hart oder kühl zu wirken: Zum vielen Holz und der matten Farbe der Lehmwände ergibt sich vielmehr ein angenehmer Kontrast, der modern wirkt, ohne dass er das behagliche Wohngefühl beeinträchtigt.

Baden mit Stil

Elegant statt kalt: das Bad in Schwarz.
Elegant statt kalt: das Bad in Schwarz.

So sind WC und Badezimmer bis hin zur Kloschüssel in Schwarz gehalten – grosse Badewanne inklusive. Das rechteckige Gebilde aus brasilianischem Schiefer, der auch für die Lavabos verwendet wurde, sieht unbequem aus, ohne es zu sein: «Wir haben das getan, was die wenigsten Bauherren tun und sind in etlichen Badewannen probegelegen», erzählt der Bauherr. Für einen angenehmen Sitz sorgen zwei Holzbretter, die als Rückenlehne dienen und sich in jeder gewünschten Schräge platzieren lassen. Einziger Nachteil: Lehnt man sich nach vorne, treiben sie auf und müssen neu angeordnet werden. Frische ins Bad, zu dem auch eine Walk-in-Dusche gehört, bringt ein kräftiges Blau. Die Bauherrin hat es selbst ausgesucht und nicht bloss die Handtücher in dieser Farbe gewählt, sondern auch eigenhändig eine Wand damit angestrichen.

Schwarze MDF-Platten bestimmen das Bild in der Küche.
Schwarze MDF-Platten bestimmen das Bild in der Küche.

Modern und behaglich zugleich

Die Küche spinnt das Farbkonzept weiter: Sie zeigt sich mit Ausnahme einer Bartheke aus Holz in schwarzen MDF-Platten. Und sie ist bis hin zum Backofen weitgehend grifflos. Ungewöhnlich ist selbst der Geschirrspüler: Er wird von oben geöffnet, besteht aus bloss einer Schublade, ist dafür in zweifacher Ausführung vorhanden und stammt vom anderen Ende der Welt. Sein grösster Vorteil: Er ist sehr praktisch: «Man braucht sich fürs Ein- und Ausräumen nicht zu bücken, und wegen seiner geringen Grösse ist er schnell einmal voll», so der Bauherr.

Hochwertiger Ausbau

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Die Liebe zum Detail ist in jedem Raum sichtbar.

Bis das Konzept der Küche feststand, war einiges an Arbeit nötig: Diverse Varianten mussten gezeichnet werden, bis die Bauherrin ihr Okay gab. Und zwar von keinem geringerem als dem Bauherrn selbst, der im Saanenland ein Architekturbüro führt und für das Chalet verantwortlich zeichnete. Entstanden ist ein Gebäude mit 280 Quadratmetern Nettowohnfläche, das hochwertige Ausführungen – etwa das KNX-Verkabelungssystem in edler, aus Belgien stammender Schieferoptik – raffiniert mit Schnäppchen kombiniert, für die sich die Bauherrin eingesetzt hatte. Dem Anspruch des Bauherrn, ein einzigartiges Chalet zu bauen, wird es bereits durch die aussergewöhnliche Innenarchitektur mehr als gerecht. Dazu zählen auch geländerfreie Treppen und extrabreite Türen von 90 Zentimetern, die rollstuhlgängig sind.

Die Energiezentrale: Ein Tank mit 9'360 Liter Wasser.
Die Energiezentrale: Ein Tank mit 9360 Liter Wasser

Viel, viel Wasser

Das Energiekonzept unterstreicht den eigenwilligen Charakter des Gebäudes: Die Verbindung des traditionellen Chaletstils mit dem Energiestandard Minergie-P ist eine schweizweite Novität. Eine, an deren Realisierbarkeit der Bauherr zunächst gar nicht geglaubt hatte. «Ich hörte von allen Seiten, dass ein Chalet nicht mit einem so guten Energiestandard erbaut werden kann», so der Bauherr. Von der Machbarkeit überzeugen liess er sich von seinem Bruder, der ebenfalls als Architekt tätig ist und die Berechnungen für die Zertifizierung vornahm. Für die Warmwasseraufbereitung und die nötige Wärme im Winter sorgt eine Kombination aus 50 Quadratmeter Solarpanel auf dem Dach und einer Energiezentrale mit Boiler und Wärmetauscher der Firma Jenni Energietechnik, die aufgrund ihres Fassungsvermögens von 9'360 Liter beinahe zwei Stockwerke hoch ist. Und sollte im Winter die Kraft der Sonne für die Warmwasseraufbereitung einmal nicht ausreichen – nicht zuletzt wegen der Ausrichtung des Gebäudes gegen die Lenk hin, die eine schöne Aussicht verspricht, für die Energiegewinnung jedoch nicht optimal ist – kommt ein Speicherofen zum Einsatz, der mit Holz geheizt wird und nur 10 Prozent Wärme in den Raum abgibt.

Errichtet wurde das Gebäude ausgesprochen schnell: Für das Untergeschoss aus vorfabrizierten Betonwänden benötigten die Handwerker einen Tag, danach folgten die drei Stockwerke im Holzelement-Bau – und das alles innerhalb einer Woche. Beim Bau packte das Bauherrenpaar kräftig mit an. Es schleppte nicht nur die Lehmsteine für den Unterlagsboden selbst hinein, sondern verlegte sie auch eigenhändig. Der Innenausbau der Wände erfolgte mit Pavaclay-Platten, die aus Holzfasern und Lehm gefertigt sind und ein angenehmes Raumklima garantieren. Ein Grund mehr, weshalb die Bauherren hier gerne wohnen.

Zusätzliche Informationen

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