Architektur-Reportage: Haus mit Pioniercharakter

Im bernischen Rosshäusern steht das schweizweit erste Einfamilienhaus, das mit dem Standard Minergie-A-Eco zertifiziert worden ist. Es wird mit Solarthermie und Pellets beheizt – und es produziert mehr Energie, als es verbraucht.

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Im bernischen Rosshäusern steht das schweizweit erste Einfamilienhaus, das mit dem Standard Minergie-A-Eco zertifiziert worden ist.

(mei) «Vom Niedrig- zum Nullenergiehaus», so betitelt der Verein Minergie auf seiner Homepage den neuen Standard Minergie-A, den es wie die beiden anderen Energie-Standards Minergie und Minergie-P auch als Kombination mit dem Ökologie-Standard Eco gibt. Neu an Minergie-A ist, dass der Energiebedarf fast bei Null angesetzt wird und dass für dessen Deckung ausschliesslich erneuerbare Energien zugelassen sind. Lanciert wurde Minergie-A im März 2011. Dass das erste Minergie-A-Eco-Einfamilienhaus der Schweiz bereits 2009 entstand, zeigt zweierlei: Mit dem neuen Standard wird nicht nur eine Vision aufgezeigt, sondern auch realisiert. Das Einfamilienhaus in Rosshäusern im Einzugsgebiet der Stadt Bern wurde eigentlich als Minergie-P-Eco-Gebäude erbaut, aber gleich so energieeffizient, dass es auch für die nachträgliche Zertifizierung mit dem strengen A-Standard reichte.

Prägnante Form

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Der Lehmputz bringt Farbe ins Haus – im Treppenbereich Grün.

Das Gebäude fällt bereits von weitem auf. Erblickt man es auf der Fahrt nach Rosshäusern noch aus der Distanz, ist seine klare Formensprache besonders gut ersichtlich: Als Kubus konzipiert, hebt es sich deutlich von den Einfamilienhäusern ab, die seither an derselben Strasse entstanden sind und sich durch eine gewisse Beliebigkeit auszeichnen. Die in baulichen Belangen versierte Bauherrschaft hat die Konzeption weitgehend selbst definiert und auch sonst zahlreiche Eigenleistungen erbracht. Realisiert wurde das Einfamilienhaus durch den Architekten und Baubiologen Arwed Junginger von AAB – Atelier für Architektur und Bauökologie, welcher das Bauherrenpaar auch für baubiologische und gestalterische Aspekte sensibilisierte.

Für die Beheizung des Gebäudes kommt in erster Linie Solarthermie zum Einsatz: Ein 1'200 Liter fassender Wasserspeicher, der Heizwasser und Bodenheizung speist, wird mit rund neun Quadratmeter Sonnenkollektoren erwärmt. Weil deren Leistung an manchen Wintertagen ohne Sonneneinstrahlung nicht ausreicht, steht im Keller ein kleiner Pelletsofen, der sich bei Bedarf einschaltet. Dass es sich bei diesem Gebäude unter dem Strich um ein Plusenergiehaus handelt, ist der Photovoltaikanlage auf dem Dach zu verdanken, die einen Stromüberschuss produziert und damit für eine Energiebilanz mit schwarzen Zahlen sorgt.

Farbiger Innenausbau

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Die dunkelrote Küche von Forster ist aus Metall gefertigt.

Erstellt wurde das Einfamilienhaus als Holzrahmenbau mit fünf Zentimeter dicken Lehmbauplatten und einem ein Zentimeter dicken Grund- und Deckputz. Die innenseitige Lehmschicht hat eine doppelte Funktion: Sie dient einerseits als Speichermasse für die Wärme und sorgt andererseits für ein angenehmes Wohnklima, weil sie Feuchtigkeit auf- und abgeben kann sowie Gerüche absorbiert. Und sie bringt Farbe ins Haus. So haben sich die beiden Bauherren in ihrem Teil des Gebäudes für einen Lehmputz in Rot, Grün und Senf entschieden, während in der abgetrennten Wohnung im Obergeschoss, die das Paar vermietet hat, die Wahl auf eine andere Farbkombination fiel. Klarer farblicher Blickfang sind allerdings nicht die eher dezenten Töne an den Wänden, sondern die dunkelrote Küche des Herstellers Forster, die den offenen Wohn- und Essbereich dominiert. Speziell ist sie auch punkto Material: Die Küche besteht aus Metall und einer Abdeckung aus einem Puschlaver Basaltstein, was eine lange Lebensdauer verspricht.

Ein Vorbau sorgt im Sommer für die nötige Beschattung.
Ein Vorbau sorgt im Sommer für die nötige Beschattung.

Intelligente Details

Wie sorgfältig bereits bei der Planung des Hauses vorgegangen worden ist, zeigt sich spätestens bei den ungewöhnlichen Lösungen, mit denen viel Lebensqualität gewonnen werden konnte. Damit gut gedämmte und isolierte Gebäude im Sommer nicht überhitzen, ist oft eine konsequente Beschattung erforderlich. Das ist zwar auch hier der Fall, doch die Storen müssen dazu nicht ausgefahren werden. Ein 1,5 Meter breiter Vorbau in Form einer Art Balkondach bzw. des Balkons selbst sorgt auf beiden Etagen dafür, dass die Sonne in der warmen Jahreszeit die Panoramafenster nicht zu erreichen vermag. Im Winterhalbjahr hingegen, wenn der Sonnenstand tiefer ist, bringen die Sonnenstrahlen viel Wärme ins Haus. Auch die Sonnenstoren haben es in sich: Sie werden nicht herunter-, sondern hochgefahren, wobei wegen des Vorbaus die halbe Höhe meist ausreicht, so dass die Bauherrschaft trotzdem die Sicht ins Grüne geniessen können. Speziell ist weiter, dass für die Beleuchtung sowie fürs Kochen und Backen dank eines Gleichrichters im Keller Gleichstrom statt Wechselstrom verwendet wird. Die Folgen: Trotz der Verwendung von Energiesparlampen werden keine elektromagnetischen Felder und dementsprechend kein Elektrosmog aufgebaut, was sich auf die Gesundheit nur positiv auswirken kann.

Fazit: Das umweltbewusste Bauherrenpaar, das sich intensiv mit den ökologischen Aspekten des Bauens befasst hat und eine grösstmögliche Energieeffizienz anstrebte, ist mit seinem Einfamilienhaus sehr zufrieden. Ändern würden die beiden nur etwas: Im Arbeitsbereich der Küche sowie im Bad würden sie keinen Parkettboden mehr einsetzen lassen – zu aufwändig ist das Trocknen und Putzen. In jeder anderen Hinsicht aber sind sie ihrem Anspruch, von Grund auf «etwas Schlaues» zu realisieren, gerecht geworden.

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