Architektur-Reportage: «Familienturm»

Ein schmales, hoch aufgeschossenes Holzhaus sorgt am Bahnhof von Samedan für Aufsehen. Architekt Patrick Blarer hat hier auf einer als unbebaubar geltenden Restparzelle für seine Familie den Traum vom offenen Wohnen verwirklicht.

In der ersten Etage sind die Übergänge von Küche zum Ess- und Wohnbereich fliessend.
In der ersten Etage sind die Übergänge von Küche zum Ess- und Wohnbereich fliessend.

Wo sich einst ein altes, charakterstarkes, aber baufälliges Holzhaus aus dem Jahr 1905 befand, steht heute in der heterogenen Umgebung beim Bahnhof Samedan ein Holzturm. Umstellt ist das schlanke Gebäude von nah stehenden Wohn- und Gewerbebauten. Trotz des begrenzten Budgets, der Enge der baulichen Situation und des sehr kleinen Grundstückes gestaltete Architekt Patrick Blarer einen überzeugenden Beitrag zeitgemässer Architektur. «Die grosse Schwierigkeit war, innerhalb von fünf Meter Hausbreite und zwölf Meter Länge einen funktionierenden Grundriss zu entwickeln», beschreibt Patrick Blarer die Aufgabe. Das vierstöckige Haus, das von der Holzbaufirma Ruwa in Küblis vorgefertigt wurde, ist wegen des hohen Grundwasserspiegels nicht unterkellert und steht auf einer massiven Bodenplatte. Das Fundament wird zusätzlich durch acht Betonrohre getragen, die das Turmhaus im schwierigen Baugrund verankern.

Enge Platzverhältnisse: Anstelle eines Holzhauses von 1905 erstrahlt nun der Entwurf von Patrick Blarer.
Enge Platzverhältnisse: Anstelle eines Holzhauses von 1905 erstrahlt nun der Entwurf von Patrick Blarer.

Offenes Wohnen auf vier Etagen

Das Gebäude wurde als Holzelementhaus ausgeführt. Die Holzrahmenbauweise ist innen mit einer aussteifenden Fichten-Dreischichtplatte beplankt. Aussen ist der Bau mit einer sägerohen, vertikal montierten Lärchenschalung überzogen. Die geometrische Anordnung der meist quadratischen Öffnungen unterstreicht den modernen Ausdruck des Flachdachbaus. Von der kleinen Gasse, die hinauf zum gewachsenen Dorfkern von Samedan führt, tritt man direkt ins Gebäude. Im Eingangsgeschoss befinden sich, neben dem grossen für das Engadin traditionellen Windfang, eine Garage sowie sämtliche Technik- und Kellerräume. Eine einfache Holztreppe führt vom eng gefassten Eingangsbereich hinauf ins Wohngeschoss. Küche, Ess- und Wohnbereich sind als ein Lebensraum ausgebildet.

Durch die fliessende Grundrissgestaltung und eine zusätzliche Terrasse, die auf einer Ausstülpung des Erdgeschosses sitzt, strahlt der Wohnraum eine Grosszügigkeit aus.

Alle Schlafzimmer können durch eine Schiebetüre geschlossen werden.
Alle Schlafzimmer können durch eine Schiebetüre geschlossen werden.

Ausgeklügelte Grundrissgestaltung

Die einläufige Treppenanlage, die Patrick Blarer prominent in die Mitte der schmalen, rechteckigen Grundform gesetzt hat, erschliesst einerseits rein funktional die verschiedenen Ebenen des Holzturmes und bildet andererseits eine Art Sichtschutz vor Einblicken von aussen. Die Treppenanlage sitzt direkt hinter einer grosszügigen Fensterfront auf der Südseite. So gelangt viel Licht in die Räume, und trotzdem fühlt sich die Familie nicht ausgestellt und erhält die nötige Privatsphäre. Die restlichen, meist quadratischen Öffnungen wirken wie Bilderrahmen, durch die die Bergwelt ins Haus geholt wird.

In den beiden oberen Etagen besetzt jeweils ein Zimmer das Gebäudeende. Damit bleibt in der Mitte des Hauses genügend Platz für Stauraum und ein grosszügiges Bad. Im zweiten Geschoss öffnet sich das Reich der Eltern mit einem Schlafzimmer und einem Atelier für die Dame des Hauses, die gelernte Schneiderin ist. Unter dem Dach haben sich die beiden Mädchen eingenistet. Mit grossen Schiebetüren lassen sich die Zimmer schliessen. «Die Erfahrung zeigt aber, dass sie meist offen sind», tönt es einhellig von der Familie. Damit verbinden sich die Schlafbereiche mit dem Treppenraum, so, wie es im Wohngeschoss mit Küche und Stube geschieht.

Jürg Zimmermann Artikel drucken