Architektur-Reportage: Eine Kirche wird zum Wohnhaus

Wo einst gebetet wurde, wird heute gewohnt: Die Lukas-Kapelle in Bern ist ein Beispiel dafür, wie sich eine Kirche umnutzen lässt. Trotz der radikalen Verwandlung ist der einstige sakrale Charakter des Gebäudes auch nach dem Umbau noch gut erkennbar.

Das Kreuz auf dem Wohnhaus erinnert an die einstige Kapelle.
Das Kreuz auf dem Wohnhaus erinnert an die einstige Kapelle.

(mei) Rund fünf Jahre lang wollte sie niemand haben: So lange stand die in einem Berner Wohnquartier gelegene Lukas-Kapelle mit Baujahr 1924 leer, nachdem sie von ihrer Gemeinde aufgegeben worden war. Dann fiel sie dem Architekten Cornelius Morscher auf, als er einmal zufällig dort vorbeikam. «Ich erkannte das Potenzial des Gebäudes sofort und fing gleich an zu planen», sagt er. Dabei erwies sich der 1979 getätigte Umbau als Pluspunkt: Damals war so viel verschandelt worden, dass das Gebäude nicht unter Denkmalschutz gestellt wurde.

Ein geschosshoher Betonkubus unterteilt den einstigen Kirchenraum in zwei Geschosse. Die Kirchenfenster konnten so erhalten werden.
Ein geschosshoher Betonkubus unterteilt den einstigen Kirchenraum in zwei Geschosse. Die Kirchenfenster konnten so erhalten werden.

Betonkubus unterteilt Kirchenraum

Damit das Stockwerkeigentum bezahlbar war, musste Cornelius Morscher den sakralen Raum horizontal unterteilen. Statt bloss einer entstanden so zwei neue, fast identische Wohneinheiten. Möglich wurde dies dank eines geschosshohen Betonkubus, den der Architekt in Absprache mit einem Statiker über die ganze Breite des Raumes spannen liess. Längsseitig ist der Kubus zur Erdgeschosswohnung versetzt platziert. So erstreckt sich ein Teil dessen Wohnbereichs über zwei Geschosshöhen, und die Kirchenfenster an der Ostfassade konnten erhalten werden. Wie das Kreuz auf dem Dach sowie eine Inschrift an der Fassade erinnern sie an die einstige Nutzung des Gebäudes.

Die Südfassade wurde rückgebaut und mit grosszügigen Fensterfronten bzw. Balkonen ersetzt.
Die Südfassade wurde rückgebaut und mit grosszügigen Fensterfronten bzw. Balkonen ersetzt.

Geöffnete Südfassade

Aussen führte der 2013 vorgenommene Umbau nur auf der Gartenseite zu grossen Veränderungen: Die ehemals geschlossene Südfassade wurde rückgebaut. An ihre Stelle traten grosszügige Fensterflächen im Erdgeschoss sowie ein auskragender Balkon in der ersten Etage, so dass mehr Tageslicht ins Rauminnere fällt. Zum Gebäude gehört weiter die frühere Pfarrwohnung im Dachgeschoss. Sie erhielt ebenfalls einen Balkon an der Südseite. Innen blieb sie fast unverändert. Neu ist ein Kaminanschluss, der durch alle drei Etagen führt. «Es war Millimeterarbeit, denn es kam nur eine einzige Stelle in Frage, und die führte im Dachgeschoss direkt an einem Radiator vorbei», sagt Cornelius Morscher. Für Wärme sorgt in allen Wohnungen die bestehende Gasheizung, die erst am Ende ihrer Lebensdauer mit einer nachhaltigeren Alternative ersetzt werden soll. Die beiden neuen Eigentumswohnungen wurden zudem mit einer Minergie-Lüftung ausgestattet.

Links: In der wärmeren Jahreszeit bieten Sträucher Sichtschutz beim Baden.  Rechts: Ein Bad wie aus 1001 Nacht: In der untersten Wohnung ist Gold-Optik angesagt.
Links: In der wärmeren Jahreszeit bieten Sträucher Sichtschutz beim Baden. Rechts: Ein Bad wie aus 1001 Nacht: In der untersten Wohnung ist Gold-Optik angesagt.

Eine Loft in der Kirche

Auch im Innern fällt das Gebäude aus dem Rahmen. In einem grossen, loftähnlichen Raum können die neuen Eigentümer wohnen, kochen und essen. Der Fernseher ist unsichtbar im Salontisch des ausladenden Sofas integriert und wird nur ausgefahren, wenn er benutzt wird. Drei nebeneinander liegende, kleinere Zimmer dienen als Schlafzimmer für Eltern und Kinder. Ihre Türen sind absichtlich sehr schmal, auch wenn sie damit für einen Rollstuhl nicht passierbar sind, erklärt Cornelius Morscher: «So entstand mehr Platz für die Einbauschränke in den drei Zimmern.» Eine Besonderheit im Eltern-Schlafzimmer ist die freistehende Badewanne mit Eichenholz-Rost zum Schutz des Parkettbodens. Zur Wohnung gehört weiter ein Badezimmer, dessen Wände, Boden und Decke in Goldtönen gehalten sind.

Auch die Kinder haben Freude an der hohen Raumhöhe auf der Ostseite.
Auch die Kinder haben Freude an der hohen Raumhöhe auf der Ostseite.

Pläne

Obergeschoss
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Erdgeschoss
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Querschnitt
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