Architektur-Reportage: Nachhaltig umgenutzt

Der Wohnraum, der in einem alten Fabrikgebäude mitten in Amriswil entstanden ist, überzeugt sowohl architektonisch als auch in der Wahl schlichter und kostengünstiger Materialien. Dass der Loft den Minerige-P-Standard erfüllt, ist wichtig, aber nicht die Hauptsache.

Die Klinkerfassade der kleinen Textilfabrik aus dem frühen 20. Jahrhundert blieb erhalten.
Die Klinkerfassade der kleinen Textilfabrik aus dem frühen 20. Jahrhundert blieb erhalten.

(jgl) Die kleine Textilfabrik aus dem frühen 20. Jahrhundert ist in wenigen Gehminuten vom Bahnhof Amriswil erreichbar. Das zentral gelegene Quartier ist geprägt von kleinen, regelmässig angeordneten Wohnhäusern mit Giebeldach. An eines dieser Gebäude dockt das eingeschossige Volumen über einen Zwischenbau an. Dass der Raum mit 280 Quadratmeter Fläche nach dem Umbau zum Loft den Minergie-P-Standard erfüllen sollte, war für Bauherr und Energieberater Luigi Renda selbstverständlich. Von aussen ist der Eingriff allerdings kaum sichtbar. Einzig die neuen Fenster weisen darauf hin, dass hier umgebaut wurde. Genau darin bestand für die Architekten die Herausforderung: «Wir wollten den hohen Technisierungsgrad und die künftige Nutzung als Wohnraum mit den charakteristischen Merkmalen des Industriebaus in Einklang bringen», sagt Samuel Gäumann vom Zürcher Architekturbüro Gäumann Lüdi von der Ropp. Dies gelang, indem das Gebäude konsequent innen gedämmt und mit einer Holzständerkonstruktion ausgefacht wurde. Die schöne Klinkerfassade blieb erhalten und wurde wo nötig ausgebessert.

Architektur und Technik gehen Hand in Hand

Architektur und Technik gehen Hand in Hand.
Architektur und Technik gehen Hand in Hand.

Neue Holz-Metall-Fenster, deren Einteilung sich am klassischen Industriefenster orientiert, ersetzen die schadhaft gewordenen Holzfenster. «Die Profile der ursprünglichen Fenster waren schlanker, aber Fenster mit vergleichbaren Rahmen kosten heute doppelt so viel wie diejenigen, die wir jetzt eingesetzt haben», weiss Samuel Gäumann. Der Eingang zum Loft ist im kleinen Zwischenbau, der Wohnhaus und Fabrikationsgebäude verbindet. Hier wurde alles im ursprünglichen Zustand belassen und es gab Platz für den Technikraum. Eine zweite Türe führt in den umgebauten Teil: Die Garderobe ist ein schmaler hoher Raum, der sich auf der einen Querseite mit einem raumhohen Fensterelement gegen aussen öffnet. Auf der anderen Seite geht er fliessend in die Weite des 3.60 Meter hohen Wohnraums über. Mit wenigen gezielten Eingriffen ist es den Architekten gelungen, den rechtwinkligen Raum, der lediglich durch drei Stützen unterbrochen war, in ein spannendes räumliches Kontinuum zu verwandeln, das gleichzeitig immer noch die Weite des ehemaligen Industrieraums vermittelt. «Ein leicht erhöhter Bereich unterteilt den Raum in der Längsrichtung und bringt ein bühnenbildnerisches Element in den Wohnraum», erklärt Architekt Gäumann das räumliche Konzept. Gleichzeitig entstand unter dem eingebauten Element Platz für technische Installationen.

Raum mit Facetten

Küche
Küche

Der vom übrigen Raum abgetrennte Schlafraum und die Ankleide mit Bad bilden zur Garderobe hin den Abschluss des erhöhten Bereichs und sind über vier Stufen erreichbar. Ein lang gezogenes Einbaumöbel verbindet die unterschiedlichen Niveaus im Eingangsbereich und betont in der Fortsetzung die Kante des Sockels bis zur zweiten Treppe. Diese gestaltet den Übergang zwischen den beiden Niveaus im Bereich des Cheminées, das zweiseitig funktioniert und als Raumelement mitten im 120 Quadratmeter grossen Wohnraum steht. Ein zweiter abschliessbarer Bereich, an den die Küchenzeile mit einem frei stehenden Kubus zum Kochen andockt, schafft einen zweiten Rückzugsort. «Dadurch, dass die Türen zum Zimmer an der Fassade liegen, entstehen je nach Standpunkt ganz unterschiedliche Eindrücke und Querbezüge mit dem übrigen Raum», so Samuel Gäumann. Gleichzeitig schaffen die Architekten damit innerhalb des Volumens ein internes Wegsystem, ähnlich wie mit dem Sockelelement und den beiden Treppen. «Wir kochen häufig gemeinsam mit Gästen und schätzen die Grosszügigkeit sehr», meint Luigi Renda zum umgesetzten Raumkonzept.

Mit den farbigen Keramikplatten im Badezimmer und dem goldenen Anstrich der bestehenden Säulen wurden mit einfachen Mitteln Akzente in der ansonsten dezenten Farbgestaltung gesetzt.
Mit den farbigen Keramikplatten im Badezimmer und dem goldenen Anstrich der bestehenden Säulen wurden mit einfachen Mitteln Akzente in der ansonsten dezenten Farbgestaltung gesetzt.

Einfache Mittel

Die eingesetzten Materialien unterstützen die Raumwirkung. «Wir haben uns an einfachen, klassischen Industriestandards orientiert», erklärt Samuel Gäumann ihre Absicht. Ein fugenlos eingebrachter Gussbelag ist gleichzeitig Boden und Beschichtung für Treppen und Podestwände. Damit wird das Raumkontinuum betont und es entsteht durch die grossflächige Anwendung ein schlichter, aber trotzdem nicht gleichförmiger Bodenbelag. Die Wände sind gespachtelt und mit einem groben Pinsel gestrichen, die Decken in gestossenen Holzriemen ausgeführt. Für die Einbaumöbel in Küche, Garderobe und Bibliothek wählten die Architekten widerstandsfähige, industriell gefertigte, bakelisierte Sperrholzplatten, die kostengünstig sind, aber trotzdem wohnlich wirken. «Mit den farbigen Keramikplatten im Badezimmer und dem goldenen Anstrich der bestehenden Säulen setzen wir mit einfachen Mitteln Akzente in der ansonsten dezenten Farbgestaltung», sagt Samuel Gäumann. Mit dem Minergie-P-Standard verfügt das Loft über eine kontrollierte Lüftung. Für die Wärmeerzeugung werden Erdsonden mit Wärmepumpen eingesetzt. Im Sommer wird die Anlage zur Kühlung der Räume genutzt, da sie über keinen Sonnenschutz verfügen. Der Aussenraum, der über eines der Fenster zugänglich ist, macht das neue Zuhause für Luigi Renda perfekt: «Trotz des grosszügigen Innenraums schätzen wir die Möglichkeit sehr, im Sommer draussen sitzen zu können.»

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