Architektur-Reportage: Mietwohnungen für höchste Ansprüche

Eines der ersten Gebäude in der Schweiz, das nach dem neuen Standard Minergie-A-Eco erbaut wurde, ist ein Mehrfamilienhaus mit Mietwohnungen. Bauherr ist der Architekt Christoph Schneider, für den dieses Projekt vor allem eine grosse Chance zum Aufbau von wertvollem Know-how war.

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Eines der ersten nach dem neuen Label Minergie-A-Eco gebauten Gebäude in der Schweiz befindet sich in Hasle-Rüegsau.

(mei) In einem neu erschlossenen Wohnquartier in Hasle-Rügesau am Fusse steiler Emmentaler Hügel befindet sich seit 2011 auch ein Haus, das nicht nur wegen seiner hellblauen Fassade ungewöhnlich ist. Hier hat der Architekt Christoph Schneider, der mit seinem Büro Atelier Schneider Partner bereits seit 1996 Niedrig- und Minergiegebäude baut, ein Mehrfamilienhaus mit drei grosszügigen Mietwohnungen realisiert – und das im neuen Standard Minergie-A-Eco, der nur für Null- oder Plusenergiehäuser vergeben wird, die nach strengen ökologischen Kriterien gebaut worden sind.

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Schneider war aber nicht nur der federführende Architekt, der sich mit diesem Pionierprojekt wertvolles Know-how erarbeitete, sondern auch der Bauherr: Das Mehrfamilienhaus ist Teil seiner Altersvorsorge. Um ein Renditeobjekt im klassischen Sinne handle es sich bei diesem Gebäude allerdings nicht, sagt Schneider, denn das Gebäude werfe selbst bei optimistischen Berechnungen wenig ab, die anspruchsvolle Gebäudetechnik weise eine lange Amortisationszeit auf.

Individuelles Wohnen

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Ein Anbau auf der Nordseite, der ausserhalb der gedämmten Hülle liegt, birgt allen drei Mietparteien viel Stauraum.

Das dreistöckige Gebäude, dessen Kellergeschoss im Tiefparterre liegt, ist in Mischbauweise erbaut worden und besteht aus einem Sockel aus Recyclingbeton mit einem darüber liegenden Holzleichtbau. Ein Anbau auf der Nordseite, der ausserhalb der gedämmten Hülle liegt, bietet allen drei Mietparteien viel Stauraum, und das bequem von der jeweiligen Wohnung aus erreichbar. Im eigentlichen Parterre befinden sich die beiden kleineren Mietwohnungen mit 2½ bzw. 3½ Zimmern, während das oberste Geschoss eine 5½-Zimmer-Wohnung inkl. Galerie beherbergt. Klug gestaltete Aussenräume und separate Eingänge sorgen dafür, dass die drei Parteien über viel Privatsphäre verfügen und die ländliche Lage mit dem an der Grundstücksgrenze entlang fliessenden Bächlein entsprechend geniessen önnen.

Sparsames Kleinkraftwerk

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Zur Nordseite hin sind die Fensteröffnungen klein, gegen Westen (und Süden) gross – auch in der offenen Küche.

Minergie-A-zertifizierte Häuser müssen mindestens genau so viel Energie produzieren, wie sie benötigen. Mit anderen Worten: Der Energieverbrauch muss so tief wie möglich gehalten werden. Um möglichst wenig Wärme zu verlieren, hat Schneider die Gebäudehülle mit einer 34 cm dicken Dämmung ausgestattet. Hinzu kommt eine Komfortlüftung, deren Wärmerückgewinnung 82 % beträgt.

Beheizt wird das Gebäude über eine 30 m² grosse Solaranlage auf dem Dach, die das Wasser in einem Boiler erhitzt, der die Fussbodenheizung und den Warmwasserboiler speist. Für den Fall, dass die Kraft der Sonne nicht ausreichen sollte, steht als Ergänzung eine kleine Grundwasserpumpe zur Verfügung. Zum Einsatz kam sie bislang noch nie: «Selbst in der kalten Periode im Januar 2012 erreichten wir im Gebäude problemlos Temperaturen über 20 °C», sagt Schneider. Nach Süden und Westen gerichtete, grosse Fensterflächen mit guten technischen Werten tragen das ihre dazu bei, dass auch die passive Sonnenenergie durch die einfallenden Sonnenstrahlen möglichst gut genutzt werden kann.

Ihren Teil an die Energiebilanz leisten auch die Waschmaschinen, Tumbler, Geschirrspüler, Kühlschränke sowie der Umluftventilator – allesamt Geräte der Energieklasse A++. Entscheidend für das Label Minergie-A ist allerdings die 60 m² grosse Photovoltaikanlage auf dem Dach: Mit ihrer Stromproduktion, deren Überschuss ins Netz eingespiesen wird, sorgt sie dafür, dass sich der Gesamtenergieverbrauch mindestens auf eine schwarze Null reduzieren lässt.   

Der Kalkverputz an den Innenwänden und die Decke aus unbehandeltem Fichtenholz kommen ohne chemische Zusätze aus.
Der Kalkverputz an den Innenwänden und die Decke aus unbehandeltem Fichtenholz kommen ohne chemische Zusätze aus.

Nachhaltige Materialien

Damit das Gebäude auch Eco-zertifiziert werden konnte, musste es strenge ökologische Auflagen erfüllen. «Wir durften nur Materialien ohne chemische Zusätze verwenden, wie etwa einen wasserlöslichen Verputz für die Innenwände, Steinwolle für die Dämmung oder unbehandeltes Fichtenholz für die Fassade», sagt Schneider. Weil auch die graue Energie in die Rechnung miteinbezogen wird, empfehlen sich möglichst kurze Anfahrtswege zwischen den Produzenten der verwendeten Materialien und dem jeweiligen Gebäude. Ein Kieswerk in Hasle-Rüegsau erwies sich hier als Glücksfall: Es stellte den Recyclingbeton her, mit dem der Sockel erbaut wurde.

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