Architektur-Reportage: Weiter gebaut und gewonnen

Das erweiterte Mehrfamilienhaus in einem ruhigen Wohnquartier in Zürich Oerlikon zeigt, wie aus kleinen sanierungsbedürftigen Wohnungen zeitgemässer Wohnraum wird, der auch in energetischer Hinsicht Massstäbe für die Zukunft setzt.

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Von aussen weisen lediglich die dem Anbau vorgelagerten Terrassen mit den Stützen und den sorgfältig gestalteten Brüstungsbändern aus Holz direkt auf das Konstruktionsmaterial hin.

(jgl) Die Mieter der 3 1/2 Zimmer-Wohnung im mittleren Geschoss des Mehrfamilienhauses sind erstaunt, als sie anlässlich der Besichtigung für diesen Text erfahren, dass der eine Teil ihrer Wohnung ein Holzbau ist. Dass die Erweiterung des Gebäudes aus den 1940-er Jahren in Holz konstruiert ist, spürt man im Inneren der hellen geräumigen Wohnungen tatsächlich nicht. Und auch von aussen weisen lediglich die dem Anbau vorgelagerten Terrassen mit den Stützen und den sorgfältig gestalteten Brüstungsbändern aus Holz direkt auf das Konstruktionsmaterial hin. «Ursprünglich sollte das Gebäude abgerissen werden», erzählt Architekt Beat Kämpfen, «denn die Bauherrschaft wollte mit einem Ersatzneubau grosse Familienwohnungen zu moderaten Mietzinsen schaffen.» Die Analyse des Bestandes zeigte dann aber, dass sich die Substanz des Gebäudes in einem guten Zustand befand und die Räume und Raumhöhen vergleichsweise grosszügig bemessen waren. Vor allem aber wäre ein Neubau aufgrund der Grenzabstände in die Mitte des Grundstücks zu liegen gekommen. «Mit dem Umbau konnte der Garten mit dem alten Baumbestand erhalten werden», so Beat Kämpfen. Gleichzeitig war eine höhere Ausnützung des Grundstücks möglich, es resultierten insgesamt tiefere Kosten und der Anteil der grauen Energie ist kleiner als bei einem Neubau.

Gemeinsamer Aussenbreich

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Mit der Erweiterung gegen den Garten wurde das bestehende Gebäude um eine Raumschicht ergänzt. Die Holzbrüstungen der Balkonschicht binden alt und neu zusammen.

Mit der Erweiterung gegen den Garten wurde das bestehende Gebäude um eine Raumschicht ergänzt. Formal ist der zweigeschossige Anbau klar als solcher erkennbar. Er wächst quasi aus der grosszügig geöffneten, östlichen Längsseite des Wohnhauses heraus, wobei die ehemalige Gestalt des Gebäudes weiterhin ablesbar bleibt. Die Holzbrüstungen der Balkonschicht binden alt und neu zusammen. Der ursprüngliche Eingang an der westlichen Längsseite des Hauses wurde aufgehoben. Neu gelangt man über die Querseite des Hauses durch einen grosszügig gestalteten Eingangsbereich auf dem Niveau des Untergeschosses ins bestehende Treppenhaus. Damit liegt der Eingang direkt am Kiesweg, der das etwas zurück versetzte Grundstück mit der Quartierstrasse verbindet. Eine Mauer grenzt den höher gelegenen Garten vom öffentlichen Bereich ab. Eine direkte Verbindung in den Garten gibt es auch in den Erdgeschosswohnungen nicht. «Die Bauherrschaft wollte den Garten bewusst allen Bewohnerinnen und Bewohnern des Hauses zur Verfügung stellen», erklärt Beat Kämpfen. Im Erdgeschoss und ersten Obergeschoss wurden die bestehenden 3 1/2 Zimmer-Wohnungen räumlich neu organisiert und durch einen Wohnraum erweitert. «Im zweiten Obergeschoss entstanden zwei 2 1/2 Zimmer-Wohnungen, indem wir das östliche Schlafzimmer mit dem Wohnraum zusammenlegten», so Kämpfen. Diesen beiden Wohnungen ist eine grosszügige Terrasse vorgelagert.

Innovativ in jeder Hinsicht

Insgesamt wirken die sechs Mietwohnungen durch die grossflächigen Öffnungen hell und grosszügig. Die geschickte Verbindung zwischen Bestand und Erweiterung lässt spannende Raumbezüge entstehen und der Blick in den Baumbestand des Gartens schafft in jeder Wohnung eine direkte Verbindung mit der Umgebung.
Insgesamt wirken die sechs Mietwohnungen durch die grossflächigen Öffnungen hell und grosszügig. Die geschickte Verbindung zwischen Bestand und Erweiterung lässt spannende Raumbezüge entstehen und der Blick in den Baumbestand des Gartens schafft in jeder Wohnung eine direkte Verbindung mit der Umgebung.

Insgesamt wirken die sechs Mietwohnungen durch die grossflächigen Öffnungen hell und grosszügig. Die geschickte Verbindung zwischen Bestand und Erweiterung lässt spannende Raumbezüge entstehen und der Blick in den Baumbestand des Gartens und die Weite des Glatttals schafft in jeder Wohnung eine direkte Verbindung mit der Umgebung. Das Gebäude überzeugt nicht nur architektonisch, sondern ist auch konstruktiv und energetisch ein zukunftsfähiges Haus. Die Aussenwände und Decken des Anbaus wurden in Holzelementbauweise erstellt. Die übrigen drei Fassaden dämmen grossformatige, Holzelemente, die vollständig vorfabriziert wurden. «Wir haben die im Rahmen eines Forschungsprojektes entwickelte Sanierungsmethode mit Retrofit-Elementen, die nur teilweise vorgefertigt werden, für dieses Objekt weiterentwickelt», erzählt Beat Kämpfen. Allerdings sei der Einsatz erst für grössere Gebäude wirklich sinnvoll, so der Architekt: «Denn der Planungsaufwand ist enorm.» Energetisch ist das Haus ein bilanziertes Nullheizenergiehaus und Minergie-P-zertifiziert. Eine von Erdsonden gespeiste Wärmepumpe deckt den niedrigen Heizwärmebedarf von 17,2 kWh/m² und versorgt die Bodenheizung mit Wärme. Zwei zentrale Lüftungsanlagen sind unter dem Dach installiert und eine 118 m² grosse Photovoltaikanlage bildet die östliche Dachhaut. «Das Gebäude ist aber kein typisches Minergie-P-Haus», so Kämpfen, «denn es hat zwar eine sehr gut gedämmte Aussenhülle, weist aber keine grossen passiv-solaren Gewinne auf, weil es grossflächig verglast ist und keine optimale Orientierung aufweist.» Gleichzeitig gewährleistet eine gute Haustechnik, dass die Nullenergiebilanz erreicht werden kann. Und was ist das Fazit des Architekten, nachdem das Haus im Frühjahr bezogen wurde? «Das Resultat zeigt, dass Um- und Weiterbauen spannende Lösungen und Räume mit Charakter erzeugt», meint Beat Kämpfen. Umbauen sei wesentlich komplexer, als einfach abzubrechen und neu zu bauen.

Zusätzliche Informationen

René Rötheli, Baden Artikel drucken