Architektur-Reportage: Visionäre Solarfassade

Rund 80 Quadratmeter Solarlaminate umfasst die Fassade eines Mehrfamilienhauses in Biel. Mit diesem Engagement wollten die Stockwerkeigentümer ein Zeichen für einen verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen setzen.

(mei) Dieses Minergie-zertifizierte Gebäude an bester Hanglage in Biel ist nicht zu übersehen: Seine blau-braune Fassade mit der grossen Fläche an Solarlaminaten fällt sofort auf. Ganze 87 Quadratmeter der Süd- und Westfassade sind davon bedeckt. Die Photovoltaik-Anlage ist in fünf voneinander unabhängigen Modulfeldern zusammengefasst, die mit je einem Wechselrichter verbunden sind. Dies ermöglicht eine effiziente Stromproduktion auch dann, wenn einige Laminate nicht besonnt sind. Die Anlage ergibt einen Jahresertrag von 6'500 kWh. Dies ist zwar eine Menge Strom, sie reicht übers Jahr gerechnet aber nicht aus, um den gesamten Bedarf zu decken. Andererseits resultiert zeitweise ein Stromüberschuss, der ins Netz eingespiesen wird.

Vorwärmen des Warmwassers

Bei gutem Wetter wird das Warmwasser in den Wohnungen durch die Solarfassade erwärmt.
Bei gutem Wetter wird das Warmwasser in den Wohnungen durch die Solarfassade erwärmt.

Mit der Fassade wird jedoch nicht nur Strom produziert, sondern auch Warmwasser vorgewärmt. Dies ermöglichen fünf zusätzliche Laminate mit einer Gesamtfläche von 13,5 Quadratmeter, die in einem 45°-Winkel am unteren Ende der parallel zur Strasse verlaufenden Südfassade angebracht sind. Sie erwärmen das Wasser in einem ersten Solarboiler je nach Wetter auf bis zu 90°C vor. Daraufhin wird das Wasser in einen zweiten Boiler geleitet. Bei Bedarf, d.h. bei geringer solarer Vorwärmung, wird es dort durch eine Wärmepumpe auf 50°C und von einer Elektroheizung auf 60°C erwärmt, bevor es in die Wohnungen gelangt. «Dank diesem Vorwärmen muss das Wasser im zweiten Boiler jeweils nur um die Differenz zu 60°C zusätzlich erwärmt werden, was deutlich weniger Energie benötigt», erklärt Emanuel Schleiffer von der Firma Energy Optimizer, welche das Energiekonzept entwickelt und realisiert hat.

Know-how aus dem Seeland

Durch und durch Seeland: Die Solartechnik stammt aus der Gegend, und von allen drei Wohnungen bietet sich eine schöne Aussicht auf den Bielersee.
Durch und durch Seeland: Die Solartechnik stammt aus der Gegend, und von allen drei Wohnungen bietet sich eine schöne Aussicht auf den Bielersee.

Produziert wurden die Solarlaminate vom Lysser Unternehmen 3S Swiss Solar Systems, das zur Meyer Burger Gruppe gehört. Aus dem Seeland stammen auch der Produzent der Wechselrichter, Sputnik Engineering, sowie Energy Optimizer. Die Kosten der Fassade belaufen sich auf 150'000 Franken. Ob sich diese Investition wirtschaftlich rechnet, ist für die drei Parteien, welche die Wohnungen im Stockwerkeigentum besitzen, zweitrangig. «Wir wollten nicht nur über Energieeffizienz sprechen, sondern auch etwas tun. Für uns hat diese Fassade einen hohen ideellen Wert. Kauft sich jemand ein teures Auto, spricht auch niemand von Verschwendung», sagt Richard Raeber, der das Projekt lanciert hat und mit seiner Frau in der mittleren der drei Wohnungen lebt.

Erdkörbe zur Beheizung der Räume

Für den Aushub des Gebäudes an Hanglage mussten 3000 Kubikmeter Holz weggeschafft werden.
Für den Aushub des Gebäudes an Hanglage mussten 3000 Kubikmeter Holz weggeschafft werden.

Ungewöhnlich ist auch die Heizung. Weil in dieser Juraregion aus geologischen Gründen keine Erdsonden gesetzt werden können, hat der Architekt Isaac Rachamin von Avir Architektur eine günstige Alternative gewählt: Erdkörbe. Dabei handelt es sich um ein Polyethylenrohr, das in einer Spirale pyramidenförmig abgerollt ist. Gegenüber einer Erdsonde weist es den Vorteil auf, dass nicht in grosse Tiefen vorgedrungen werden muss. Ein weiterer Vorteil liegt darin, dass mit Erdkörben Wärmeüberschuss im Gebäude ins Erdreich geführt und somit ein kühlender Effekt erzeugt werden kann. Fünf solche Erdkörbe befinden sich nun in einer Tiefe von 3,5 bis 8,5 Meter im Boden neben dem Haus und versorgen es mit der benötigten Wärme.

Anspruchsvolle Architektur

Der Architekt hat zum Lärchenholz der Fassade Solarlaminate in Blau gewählt, damit sich ein schöner Kontrast ergibt – der noch ansprechender sein sollte, sobald sich beim Holz eine Patina gebildet hat.
Der Architekt hat zum Lärchenholz der Fassade Solarlaminate in Blau gewählt, damit sich ein schöner Kontrast ergibt – der noch ansprechender sein sollte, sobald sich beim Holz eine Patina gebildet hat.

Für die Ästhetik des Gebäudes hat sich Rachamin ebenfalls einiges einfallen lassen: Er hat zum Lärchenholz der Fassade Solarlaminate in Blau gewählt, damit sich ein schöner Kontrast ergibt – der noch ansprechender sein sollte, sobald sich beim Holz eine Patina gebildet hat. Und an die Tatsache, dass das terrassierte Gebäude auf seiner Rückseite 15 Meter tief in den Felsen hineinragt, erinnert ein oben geschlossener Schacht mit nacktem Fels, zu dem hin sich vom Treppenhaus Fenster öffnen lassen. So dürften die Stockwerkeigentümer auch nicht so schnell vergessen, dass für den Aushub 3'000 Kubikmeter Fels weggeschafft werden mussten.

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