Wirtschaftlich, robust und dauerhaft

Mit den «vier Wänden» ist das Eigenheim nur unzureichend beschrieben. Denn getragen werden die Häuser von einem inneren Skelett, dem Tragwerk.

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(knü) Wie das Skelett beim Menschen, funktioniert das Tragwerk eines Wohnhauses. Oft nur am Rohbau sichtbar, sind die verschiedenen Elemente trotzdem unverzichtbar. Denn unverkleidete Wände, rohe Zwischendecken und kahle Stützen haben gemeinsam das Eigengewicht und zusätzliche Lasten zu tragen. Daher ist das Konstruktionssystem, dasjenige Element am Haus, das jeweils am längsten und am sichersten zu funktionieren hat: Während die Funktionstüchtigkeit von Fassade, Dach oder der technischen Systeme bereits nach zwei Jahrzehnten angezweifelt werden darf, wird von der Tragkonstruktion eine Lebensdauer von 50 Jahren verlangt.

Gut dazu passt, dass sich auch die Bauherrschaften bei der Wahl der Tragwerkstypen konservativ verhalten: Typischerweise werden neun von zehn Einfamilienhäusern massiv erstellt. Jedes zweite Haus wird von Betonwänden getragen; einen geringeren Anteil umfassen diejenigen mit tragenden Backsteinmauern. Mit leicht steigender Tendenz sind dagegen aus Holz konstruierte Häuser daran, ihren Anteil am Immobilienmarkt auf rund 10 Prozent zu steigern. Nach Bedarf und Funktionalität lassen sich Materialien und daran angepasste Bauweisen in einem Tragwerksystem oft einfach miteinander kombinieren.

Künftige Bewohner müssen zwar sicher gehen können, dass das Tragwerksystem robust und dauerhaft funktioniert. «Doch obwohl einzelne Wünsche direkten Einfluss auf die Statik eines Gebäudes nehmen, brauchen Bauherrschaften selber wenig darüber zu wissen», sagt Architekt Frank Thalmann. Das Normenwerk regelt die Details; der Beizug eines Fachingenieurs ist aber nicht nur ratsam sondern auch zwingend.

Erker und Dachaufbauten

In den meisten Fällen sind die Dimensionen, Spannweiten und Lasten in einem Einfamilienhaus derart gering, «dass das tragende System nicht überstrapaziert werden muss», weiss Thalmann aus seiner täglichen Praxis. Hingegen lohnt es sich, genauer hinzuschauen, wenn auf dem Dach etwas Unübliches passiert oder die Aussenwand nicht nur senkrecht verläuft. Erhöhte Aufmerksamkeit wird der Gebäudestatik beispielsweise geschenkt, wenn auskragende Fassaden, Erker oder hervorspringende Balkone einzuplanen sind. Und auch bei Dachaufbauten wie Solaranlagen oder eine Begrünungsschicht ist das Tragwerksystem auf erhöhte Lasten auszulegen.

«Aber besonders bei bestehenden Bauten ist die frühzeitige Analyse eines Statikers unerlässlich», sagt Architekt Thalmann, der aktuell den Umbau einer alten Scheune zu einem Künstleratelier plant. Denn beim Abbruch oder Durchbruch von Innenwänden ist sicherzugehen, dass das tragende System nicht beeinträchtigt wird. Ein weiterer Spezialfall ist das Aufstocken alter Gebäude: «Auch hier ist jeweils sorgsam und nur mit Hilfe einer Fachperson vorzugehen, damit die bestehenden Strukturen nicht überbelastet werden», empfiehlt Frank Thalmann.

Hohe Flexibilität

Die Gebäudestatik kann gezielt eingesetzt werden, um die Flexibilität der Wohnung zu erhöhen. Werden die Aussenwände vollständig tragend erstellt, lassen sich die Innenwände für eine spätere Nutzungs- oder Lebensphase problemlos entfernen oder verschieben. Aber auch beim nachhaltigen Bauen wird zunehmend auf das Tragwerk geachtet: So ist der Materialaufwand für die tragenden Bauteile derart relevant, dass einfache Systeme helfen, viel graue Energie einzusparen. Von Fachleuten wird zudem empfohlen, das tragende Konstruktionssystem von technischen Installationen und Leitungen freizuhalten – damit sich der jeweilige Unterhalt angesichts unterschiedlicher Funktionszeiten nicht in die Quere kommt.

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