Bioklimatische Gebäudefassade

Gebäude stehen in Wind und Regen, Sonne und Kälte – statisch in einem dynamischen Umfeld. Naheliegend ist daher die Idee, den Energiehaushalt mit dynamischer Isolierung oder bioklimatischen Fassaden zu optimieren.

Fassade der Schule ESGE in Genolier.
Fassade der Schule ESGE in Genolier.

(msm) Wer von Niedrig-, Null- oder gar Plusenergiehäusern spricht, denkt in erster Linie oft an dick eingepackte bzw. hervorragend gedämmte Häuser. Da sich das Klima draussen und die Bedürfnisse der Menschen drinnen aber meist gar nicht entsprechen, ist mit Wärmedämmung allein der Energiehaushalt eines Gebäudes noch nicht optimal umgesetzt. Die äusseren Bedingungen in unseren Breitengraden schwanken tageszeitlich und jahreszeitlich sehr stark, während die Bedürfnisse beim Wohnen und Arbeiten im Innern ziemlich konstant bleiben. Eine laufende Anpassung der Gebäudehülle an die äusseren Begebenheiten wäre deshalb das Beste; eine dynamische Isolierung oder bioklimatische Fassade das Ziel.

Diese Ansicht vertreten zumindest eine Reihe von Unternehmen, die davon profitieren würden. Im März 2010 luden die Somfy AG (Automation und Antriebe), Hartmann + Co AG (Fenster- und Fassadenbau, Storen) und die Kästli Storen & Co AG zu einem Symposium «Bioklimatische Fassaden», wenig später riefen Somfy und die Baumann Hüppe AG (Sonnenschutzsysteme) einen «Tag der dynamischen Isolierung» aus.

Individuelle Planung ist das Optimum

Dynamische Isolierung und bioklimatische Fassade meinen eigentlich dasselbe: Ein Gebäude soll sich automatisch den Umständen anpassen, um den geringsten Energieverbrauch zu erreichen. Mit Vorteil wird diese Absicht von Anfang an in die Planung miteinbezogen. Das verlangt zwar zu Beginn einen Mehraufwand für Planung und Sonnenschutz. Doch die genannten Unternehmen vertreten die Ansicht, dass die späteren Einsparungen an Energiekosten deutlich grösser sind. Für ein optimales Resultat müssen die folgenden Punkte bei jedem Gebäude individuell betrachtet werden:

  • Wie verläuft die jahres- und tageszeitliche Sonneneinstrahlung?
  • Wie viele Menschen und Maschinen nutzen das Gebäude wann und wie (Abwärme)?
  • Welches sind die optimalen Bedingungen, die Menschen und Maschinen vorfinden sollten?

Ein Beispiel für dynamische Isolierung ist die 2003 fertig gestellte «Gurke», der Wolkenkratzer «Gherkin» von Norman Foster in London.
Ein Beispiel für dynamische Isolierung ist die 2003 fertig gestellte «Gurke», der Wolkenkratzer «Gherkin» von Norman Foster in London.

Ein Beispiel: die «Gurke»

Ein Beispiel für dynamische Isolierung ist die 2003 fertig gestellte «Gurke», der Wolkenkratzer «Gherkin» von Norman Foster in London. Schon seine abgerundete Form soll die unangenehmen Fallwinde, die bei normalen, rechteckigen Hochhäusern entstehen, deutlich vermindern. Der häufig auftretende normale Wind dagegen wird genutzt zur Klimatisierung: Die doppelte Glasfassade ermöglicht mit regulierbaren Öffnungen, dass bei Hitze bzw. starker Sonneneinstrahlung ein von unten nach oben fliessender Luftstrom das Gebäude kühlt, während bei Kälte sich derselbe Luftraum durch Schliessen der Klappen erwärmen kann. Insgesamt ergebe sich eine Einsparung von 50% bei Beleuchtung und Klimatisierung, teilt die Somfy AG mit.

Eine dynamische Isolierung ist also insbesondere bei modernen Gebäuden mit grossen Glasflächen bereits mit regulierbaren Öffnungen möglich. Weitere Möglichkeiten sind Storen oder Markisen, die sich durch Sensoren und Motoren automatisch den Bedingungen anpassen. Um die Ausnützung der sonnenbestrahlten Fläche zu optimieren, gibt es bereits Entwicklungen für Solarzellen auf Lamellenstoren oder in Fensterflächen selbst. Diese sind aber noch nicht völlig ausgereift und wenig verbreitet.

Schliesslich kann Sonnenschutz nicht nur zur Beschattung und Kühlung eingesetzt werden: Ein helles Panel am Innern einer Fensterscheibe hilft auch, die Wärme drinnen zu behalten, wenn es draussen kalt ist. Oder wenn tagsüber der Sonnenschutz hochgefahren wird, kann er am Abend gesenkt und nachts dazu eingesetzt werden, die Dämmung zu verstärken und Wärme länger zu speichern – ganz dynamisch.

ImagePoint (Inkognito - visuelle kommunikation gmbh) und Somfy Artikel drucken