Stroh- und Strohballenhaus

Stroh bedeutet Landwirtschaft, Staub, Stall, Wohnraum für Tiere – und damit ein Haus bauen? Das geht. Ob in Form von stark gepressten Ballen oder Strohfaserplatten als Isolation: Beispiele zeugen von dieser nachhaltigen Alternative.

Von aussen ist dem Strohballenhaus in Disentis nichts von seiner besonderen Konstruktionsweise einzusehen.
Von aussen ist dem Strohballenhaus in Disentis nichts von seiner besonderen Konstruktionsweise einzusehen.

(msm) Ein Haus aus Stroh: Das klingt zuerst nach Ökofreak, historischem Projekt oder Gebäude für südliche Gefilde. Und es klingt nach Problemen mit Ungeziefern in der Hauswand und starker Gefährdung durch Feuer. Dass es auch bei uns möglich ist mit einigen positiven Aspekten, zeigen Beispiele in der Schweiz.

2,40 m lang, 1,25 m breit, 0,70 m hoch und 320 kg schwer ist ein Baustein aus Stroh.
2,40 m lang, 1,25 m breit, 0,70 m hoch und 320 kg schwer ist ein Baustein aus Stroh.

Strohballen als Bausteine

Drei verschiedene Konstruktionsweisen stehen im Vordergrund. Die rohste und nachhaltigste Form der Verarbeitung sind Strohballen, die aufeinandergeschichtet die tragende und zugleich isolierende Mauer bilden. Direkt auf den Stroh – der von Gerste, Weizen, Hafer oder auch Reis stammen kann – wird ein Putz angebracht. Dieser soll vor Feuer, Schädlingsbefall und allfälligen Staubemissionen schützen. Die grossen ökologischen Vorteile von Stroh sind die lokale Verfügbarkeit als landwirtschaftliches Nebenprodukt und der gegenüber anderen Baumaterialien sensationell tiefe Wert an grauer Energie. Bei Beton, Ziegel, Isolationsmaterial wie Stein- oder Glaswolle und selbst bei Holz ist dieser höher – teils um ein Vielfaches. Wer den Aspekt der grauen Energie beim Hausbau konsequent weiterverfolgt, verwendet als Putz gleich den Lehm von der Baustelle oder aus der Nähe. Einzig der Platzbedarf ist bei Strohballenhäusern etwas grösser als üblich: Mit 60 bis 130 cm Stärke sind die Wände ziemlich dick. Damit ermöglichen sie Isolationswerte, die locker für ein Passivhaus reichen.

Ein Kalk-Zementputz schützt und stabilisiert das Haus.
Ein Kalk-Zementputz schützt und stabilisiert das Haus.

Feuerfest, insektendicht

In der Schweiz hat insbesondere der Architekt Werner Schmidt in Trun (GR) Erfahrung mit dem Strohhausbau. Allfällige Bedenken zerstreut er mit Erfahrungswerten. So sei Stroh in Form von fest gepressten Ballen mit 15 Tonnen pro m² – an der HTW Chur gemessen – sehr belastbar. Zwar müsse die voraussichtliche Kompression bei der Planung berücksichtigt werden: Bei der lasttragenden Bauweise senke sich das Gebäude während und bis etwa zwei Monate nach dem Bau etwas, danach sei ein Gleichgewichtszustand erreicht, der durch den Verputz und Innenwände stabilisiert werde. Fertig verputzt soll eine solche Strohmauer die Feuerwiderstandsklasse F90 erfüllen – wie eine 25 cm dicke Betonwand. Und die starke Verdichtung zusammen mit 5 cm Lehmputzschicht verhinderten die Einnistung von Nagern und Insekten. Auch Feuchtigkeit ist bei richtiger Konstruktion nach den Erfahrungen von Werner Schmidt keine Gefahr für ein Strohballenhaus. Dies bestätigt ein Gebäude, das er 2002 in Disentis gebaut hat.

Als Faserplatte

Eine dritte Variante schliesslich steht im thurgauischen Eschenz. Hier wurden Strohfasern stark verdichtet und zu Platten gepresst. So wird der Naturbaustoff – wie schon in Form von Ballen, aber einiges kompakter – zum wärmedämmenden, schallisolierenden und tragenden Element. Der Architekt Felix Jerusalem liess die Faserplatten mit Holz in Elementen vorproduzieren, am Bauplatz in einer auffälligen Pultdachform zusammensetzen und kleidete das Einfamilienhaus als Wetterschutz mit hellgrün getönten, durchsichtigen Wellplatten aus Scobalit (glasfaserverstärkter Kunststoff) ein.

Sowohl die Bauweise mit Strohfaserplatten als auch jene mit Strohballen kosten gemäss den Architekten nicht mehr als eine stärker verbreitete Bauart bei vergleichbar energieeffizienten Gebäuden – je nach Eigenleistungen vor allem bei Strohballenbau soll dieser sogar günstiger werden.

Zusätzliche Informationen

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