Leben in einer Smart City

Verschiedene Städte in der Schweiz sind auf dem Weg zur Smart City. Doch was ist eine Smart City und was bedeutet das für ihre Bewohnerinnen und Bewohner?

Die Entwicklung einer Smart City ist ein kontinuierlicher Prozess. Die Schweizer Städte befinden sich noch am Anfang.
Die Entwicklung einer Smart City ist ein kontinuierlicher Prozess. Die Schweizer Städte befinden sich noch am Anfang.

(aes) Seit 2003 wird an der südkoreanischen Stadt Songdo City gebaut. Bis 2020 soll die komplett auf dem Reissbrett entworfene Stadt der Zukunft Lebensort für 340 000 Menschen sein. Songdo ist eine Smart City, die ihren Bewohnern ein angenehmes Leben mit viel Grünraum verspricht. Durch eine umfassende digitale Vernetzung will die Stadt Synergien nutzen und so rund 30 Prozent Energie und Ressourcen sparen. Unter anderem durch ein Abfallentsorgungssystem, welches, ähnlich der Rohrpost, Abfälle in Spezialbehältern und mit Druckluft zur Biogasgewinnung in ein Kraftwerk befördert. Damit all dies gelingt, braucht es Daten in Echtzeit, die Auskunft über das Verhalten der Bewohner liefern. Und das ist zugleich die Schattenseite von Songdo: Alle Bewohner sind durch Videoüberwachung im öffentlichen Raum, Chipkarten mit Multifunktion wie ÖV-Nutzung, Krankenversorgung, Wohnungszugang, Bankdienste usw. in eine permanente Datenerhebung eingebunden. In den Wohnungen selber werden individuelle Verbrauchsdaten, Zugangsdaten usw. erhoben, so dass Bewegungsbilder entstehen.

Das ist eine Smart City

Doch was ist überhaupt eine Smart City? Das Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) hat 10 Thesen zur Smart City präsentiert, die anlässlich der Berliner Wirtschaftskonferenz «Creating Urban Tech» diskutiert wurden. Die erste lautet: «Die Stadt im Jahr 2030 ist intelligent und vernetzt.» So sollen zum Beispiel Ampeln und Strassenlaternen, Mülltonnen und Banken mit Sensoren ausgestattet sein, die den Energieverbrauch nach dem tatsächlichen Bedarf steuern. Die zweite These betrifft die Mobilität: «Ein Auto zu besitzen wird zunehmend weniger wichtig. Der individuelle Autoverkehr ist aus den Stadtzentren verschwunden, ebenso wie die Mehrzahl an privat genutzten Autos.» Zudem sollen die Städte 2030 unter anderem abfallfrei und CO2-neutral sein, die Gebäude anpassungsfähig und intelligent. Auch das Programm Smart City von EnergieSchweiz befasst sich mit der Zukunft des urbanen Lebensraumes. Deren Definition einer Smart City geht in eine ähnliche Richtung wie jene des GDI und führt unter anderem den systematischen Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien auf, die Unabhängigkeit von fossilen Energieträgern sowie zukunftsfähige Mobilitätsformen. 

Smart Cities in der Schweiz

Auch in der Schweiz entwickeln sich verschiedene Gemeinden und Städte Schritt für Schritt zu Smart Cities und wollen damit nicht nur vernetzter, sondern ökologischer werden. Damit liegen sie ganz auf der Linie des Bundes, der Städten und Gemeinden bezüglich der Umsetzung der Energiestrategie 2050 grosse Bedeutung beimisst und erhebliche Potenziale bezüglich Effizienz, Ressourcenschonung und Nachhaltigkeit in urbanen Räumen sieht. 

Bereits haben verschiedene Städte konkrete Schritte in Richtung Smart City unternommen. Die Gemeinde Pully hat beispielsweise gemeinsam mit Swisscom auf Basis anonymisierter Mobilfunkdaten eine Planungsmethode zur verbesserten Infrastruktur- und Verkehrsplanung entwickelt, mit der die Verkehrsströme deutlicher sichtbar werden und die Verkehrssituation sich verbessern lässt – zum Wohle der Bewohnerinnen und Bewohner. In Lenzburg funken rund 80 Parkplätze zweier offener Parkfelder beim Schloss ihre aktuelle Belegung an ein zentrales Parkleitsystem. Autofahrer sehen über eine App, wo noch freie Parkplätze sind. Möglich macht dies eine Low-Power-Basisstation sowie batteriebetriebene Funksensoren, die auf jedem Stellplatz in den Asphalt eingelassen sind. Auch bei diesem Baustein für eine Smart City war Swisscom mitinvolviert.

Das Potential multifunktionaler Kandelaber

Gut lässt sich auch die bereits vorhandene Infrastruktur für die Strassenbeleuchtung nutzen. Die Hersteller setzen bereits heute auf die Multifunktionalität ihrer Produkte. In Crans Montana beispielsweise sind seit Beginn der Wintersaison 2016/17 einige Lichtsäulen in Betrieb, die mit Lampen, Lautsprechern und Kameras ausgerüstet sind. Der Kurort verspricht sich für davon eine Aufwertung des Zentrums sowie eine höhere Sicherheit für die Gäste. In der Deutschen Stadt Leipzig können Elektroautobesitzer ihre Fahrzeuge seit August 2016 an vier Strassenlaternen laden. Die Ladestation wurde als modulares System entwickelt, das in alle vorhandenen Laternentypen passt, auch in andern Städten. Dass die öffentliche Beleuchtung die ideale Plattform für eine differenzierte Sensorik ist, bestätigt auch Roelof Speekenbrink, Partner bei der Beratungsfirma A357, anlässlich einer Tagung von Topstreelight: «Die Sensorik erlaubt eine detaillierte Datenerfassung und Daten sind für sämtliche Aspekte einer Smart City relevant.» Auch Werte bezüglich Feinstaub- oder Pollenbelastung liessen sich so messen und zum Wohle der Bevölkerung nutzen.

Die Entwicklung einer Smart City ist ein kontinuierlicher Prozess. Die Schweizer Städte befinden sich noch am Anfang. Ein Szenario wie im südkoreanischen Songdo City ist hierzulande allerdings in weiter Ferne. 

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