Ablauf einer Mediation

Gerichtsverfahren gehen oft anders aus als erwartet und können dauerhaft verhärtete Fronten zur Folge haben. Eine mögliche Alternative ist die Mediation. Der Vorteil: Alle Seiten gewinnen – und eine gemeinsame Basis entsteht.

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Sind Kinder im Spiel, kann der Richter die Eltern zu einer Mediation verpflichten, um etwa das Besuchsrecht auszuhandeln.

(mei) Scherben bringen Glück. Nicht aber, wenn Beziehungen zu Bruch gehen. Wie bei Gerichtsverfahren, die von Natur aus antagonistisch angelegt sind: Sie gehen zugunsten des einen und zuungunsten des andern aus. Und das mitunter nicht ganz nachvollziehbar: Nicht immer kriegt der Recht, der auch recht hat. Oft kann derjenige als Gewinner vom Feld ziehen, der zufällig die besseren Beweismittel vorlegen konnte. So oder so sind die beiden Parteien am Ende meist froh, dass die Sache vorbei ist und sie mit dem andern nichts mehr zu tun haben. Was aber nicht immer der Fall ist: Während man vergleichsweise schnell eine neue Stelle oder Mietwohnung findet, sieht die Sache beispielsweise für Stockwerkeigentümer und –eigentümerinnen oder in komplexen Arbeitskonflikten schon etwas anders aus. Noch komplizierter wird es, wenn sich Eheleute mit Kindern scheiden lassen – sie bleiben über den Nachwuchs noch lange miteinander verbunden.

Lauter Gewinner

Eine mögliche Alternative zu Gerichtsverfahren ist die Mediation. Dabei setzen sich alle Parteien gemeinsam an einen Tisch und arbeiten mit einem Mediator oder einer Mediatorin als neutralem Gesprächsleiter eine Lösung aus, mit der alle einverstanden sind. Voraussetzung ist, dass alle an einer Lösung interessiert sind und nicht bloss am eigenen Standpunkt. Und sie müssen bereit sein, die Lösung selber herbeizuführen. Im Gegensatz zu Gerichtsverfahren stehen am Ende alle Beteiligten als Gewinner da, die sich nach der Einigung nicht nur noch in die Augen schauen können, sondern oftmals den anderen sogar besser verstehen. Einzige Ausnahme von der Freiwilligkeit besteht im Familienrecht: Sind Kinder im Spiel, kann der Richter die Eltern zu einer Mediation verpflichten, um etwa das Besuchsrecht auszuhandeln.

Gegenstand einer Mediation

Mediation lässt sich auf alle Bereiche anwenden, in denen «Menschen darauf angewiesen sind, dauerhaft miteinander auszukommen», sagt Annemarie Lehmann, die als selbstständige Partnerin bei Krneta Gurtner sowohl als Mediatorin als auch als Anwältin tätig ist. Mögliche Anwendungsbereiche sind das Familienrecht, das Arbeitsrecht, das Mietrecht, das Nachbarrecht, das Erbrecht oder das Bau- und Planungsrecht. Bei letzterem kann es darum gehen, bei einem Baubewilligungsverfahren Einsprachen zu verhindern oder die Zuständigkeiten bei Baumängeln zu klären. Unabhängig vom Anwendungsgebiet gilt, dass die Mediation möglichst frühzeitig in Angriff genommen werden sollte, so dass der Konflikt noch nicht eskaliert ist – idealerweise also noch vor dem Einleiten eines Gerichtsverfahrens. In der Praxis ist dies eher selten der Fall, sagt Martin Zwahlen, Geschäftsführer des Schweizerischen Dachverbands Mediation mit eigener Anwalts- und Mediationspraxis: «Oft machen die Leute lange die Faust im Sack, anstatt das Problem anzugehen.»

Miteinander statt gegeneinander

Damit eine Mediation Erfolg hat, müssen bestimme Voraussetzungen erfüllt sein. Zwahlen nennt drei Kriterien: «Es braucht ein gemeinsames Interesse aller Beteiligten, den Konflikt beizulegen, sowie ein Thema, das verhandelbar ist und nicht etwas auf übergeordneter Ebene Vorgeschriebenes wie zum Beispiel Bauvorschriften. Drittens ist die Bereitschaft notwendig, offen zu sprechen.» Gerade der letzte Punkt fällt den Beteiligten nicht immer leicht, müssen sie doch nicht nur auf der Sachlage argumentieren, sondern auch ihre Gefühle zum Ausdruck bringen.

Weshalb dies wichtig ist, erläutert Zwahlen an einem Beispiel: «Stört sich ein Nachbar an einem Baum auf einem angrenzenden Grundstück und weigert sich der Eigentümer desselben vehement, den Baum zu fällen, kann es den Konflikt bereits entschärfen, wenn der Nachbar weiss, dass der Baum aus einem bestimmten Grund gepflanzt worden ist, etwa, weil der Eigentümer ein Kind bekam und der Baum für ihn auch eine grosse symbolische Bedeutung hat.»

Weil Öffnung auch Angriffsfläche bietet, müssen sich die Parteien vor Beginn einer Mediation schriftlich verpflichten, die in diesem Verfahren gewonnenen Informationen nicht juristisch zu verwerten. Dasselbe gilt für den Mediator oder die Mediatorin: Er oder sie darf keine Partei als Anwalt vertreten, falls die Mediation scheitern sollte, und auch nicht als Zeuge vor Gericht aussagen. So lässt sich verhindern, dass eine Partei die Mediation zur Spionage missbraucht.

Ablauf einer Mediation

Die Mediation beginnt damit, die Parteien an einen Tisch zu bringen und zu klären, ob sie auch wirklich bereit sind zu diesem Verfahren und seinen Spielregeln: Nebst der Vertraulichkeit der Gespräche und dem Interesse an einer dauerhaften Konfliktbereinigung sind dies ein respektvoller Umgang miteinander und das Ausreden-Lassen der anderen Partei. «Unterbrechen darf nur die Mediatorin», sagt Lehmann. «Als Gesprächsleiterin muss ich sicherstellen, dass alle Beteiligten zu Wort kommen und nicht einer das Gespräch dominiert.» Zu ihren Aufgaben gehört es denn auch, schüchterne oder weniger wortgewandte Menschen dabei zu unterstützen, ihre Anliegen so einzubringen, dass alle Karten auf dem Tisch liegen.

Danach gilt es herauszufinden, welches die Streitpunkte sind und diese wenn nötig einzeln abzuarbeiten. «Weil die Probleme nicht immer auf der Sachebene liegen, muss ich als Mediatorin so lange bohren, bis die Ursachen der Konflikte klar herausgearbeitet sind und alle genau wissen, wen was warum stört. Es geht also nicht darum, Recht haben zu wollen, sondern zu verstehen, wo eine gemeinsame Basis zu suchen ist», sagt Lehmann. Danach tragen die Parteien Lösungsvorschläge zusammen, die sie später gewichten, bis sich eine Variante herauskristallisiert, die alle zufriedenstellt. Damit die Einigung von Dauer ist, wird sie schriftlich in einem Vertrag festgehalten. Tritt sie während eines sistierten Prozesses ein, hat der Vertrag die Wirkung eines Gerichtsurteils.

Nicht immer aber bringt die Mediation eine Einigung. Nebst einem mangelnden Lösungswillen liegt dies meist daran, dass ein Beteiligter sucht- oder psychisch krank ist oder das eigentliche Problem eben doch in der Struktur angelegt ist, etwa wenn eine Kantonsangestellte findet, sie verdiene zu wenig. Laut Umfragen des Schweizerischen Dachverbands Mediation bei seinen Mitgliedern liegt die Erfolgsrate bei rund 70%, wobei in Familienangelegenheiten gemäss Lehmann deutlich öfter eine Einigung erzielt wird als im Nachbarrecht.

Buchempfehlung

Esther Haas, Toni Wirz, in Zusammenarbeit mit dem Schweizerischen Dachverband Mediation:

«Mediation. Konflikte lösen im Dialog»

112 Seiten, Beobachter-Buchverlag, 2011

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