Möbel aus Papier und Karton

Was sich in China und Japan seit langem bewährt, fristet bei uns immer noch ein Nischendasein. Zu Unrecht: Möbel und Leuchten aus Karton und Papier sind alles andere als von Pappe.

«Akari Light Sculptures»
«Akari Light Sculptures»

(mei) Die Chinesen haben's erfunden, das Papier, und zwar ungefähr 100 Jahre nach Christi Geburt. Bis dieses Material den Weg nach Europa fand, dauerte es ziemlich lange, nämlich um die 1000 Jahre. Auch Leuchten aus diesem Werkstoff gelangten von Asien her zu uns – wenn auch manchmal bloss indirekt: Der wohl immer noch bekannteste Schöpfer von Papierlampenschirmen ist der in Amerika geborene und aufgewachsene Bildhauer und Designer Isamu Noguchi, der seinem japanischen Erbe in den frühen 1950-er Jahren mit den «Akari Light Sculptures» Tribut zollte. Noch heute wird jede dieser von Vitra vertriebenen Leuchten handgefertigt, indem man handgeschöpftes, durchscheinendes, als Shoji bezeichnetes Papier auf Bambusrippen aufklebt.

«Kazé» von Céline Wright
«Kazé» von Céline Wright

Moderne Kreationen

Seit der Lancierung von Isamu Noguchis Kreationen ist viel Zeit vergangen: Längst schaffen auch europäische Designer Leuchten aus Papier. Wie breit die Palette dabei ist, zeigen drei Beispiele aus dem neuen Jahrtausend: Die französische Designerin Céline Wright orientiert sich stark an der japanischen Tradition und verwendet für ihre Leuchten, so auch für «Kazé», ebenfalls Shoji-Papier. Dessen Seiten, in Gelb und Weiss erhältlich, sind so dünn, dass sie beim geringsten Luftzug leise schwingen.

«Tome» von Atelier Oï
«Tome» von Atelier Oï

Gewohnt innovativ geht das Schweizer Atelier Oï mit dem Werkstoff Papier um. Für seine Leuchte «Tome», die 2005 in Mailand präsentiert wurde, spann es die Idee eines Buches weiter. Eines Buches mit vielen Seiten, das, einmal geöffnet, zahlreiche Formen – nicht zuletzt die eines Pilzes – annimmt und dabei immer aussergewöhnlich zart wirkt.

Eine spezielle Form weist auch eine andere Leuchte auf: Die 2009 verdientermassen mit dem red dot design award ausgezeichnete, aus Shoji-Papier gefertigte Leuchte «Moonjelly» von Limpalux sieht nicht nur aus wie eine Medusa, sondern ist auch nach ihr bezeichnet. Erhältlich ist auch eine Version als Kronleuchter.

«Wiggle» von Frank Gehry
«Wiggle» von Frank Gehry

Genüssliches Sitzen auf Karton

Benutzt man statt hauchdünnem Shoji-Papier mehrlagiges Altpapier – oder Zellstoff oder Holzschliff – entstehen Möbel und Leuchten aus Karton. Einer, der vorgemacht hat, wie's geht, ist Frank Gehry, der für seine 1969-1973 entstandene Möbelserie «Easy Edges» Wellkarton verwendet hat. Zur Serie zählt auch der Hocker «Wiggle», der entfernt an einen traditionellen afrikanischen Hocker erinnert – und übrigens sehr robust und stabil ist. Dass sich aus Karton auch Leuchten kreieren lassen, zeigt ein Beispiel des italienischen Herstellers Ultraluce, das seinem Namen alle Ehre macht: Es heisst schlicht und einfach «Cartoon».

Die robuste Version: Wellpappe

Hocker und Bett von Stange Design
Hocker und Bett von Stange Design

Mit des Kartons dickerer Schwester früh experimentiert hat Hans-Peter Stange. Bereits während seines Design-Studiums hat er einen Falthocker aus Wellpappe geschaffen, einem Material, das im Amerika des 19. Jahrhunderts erstmals produziert wurde. Nach einem Praktikum in der Wellpappe-Industrie gründete Stange das Unternehmen Stange Design, das er heute zusammen mit seiner Frau Mechthild Kotzurek-Stange gemeinsam führt. Immer noch dabei ist der Hocker, den die beiden als «ihr bestes Stück» bezeichnen. Einsam ist er nicht: Eine wahre Myriade von Produkten leistet ihm mittlerweile Gesellschaft, darunter nebst weiteren Stühlen auch Tische, Regale und sogar ein Bett. Allen gemein ist, dass sie im Do-it-yourself-Verfahren fertiggestellt werden: Das Ehepaar Stange versendet seine Möbel, deren Lebensdauer rund zehn Jahre beträgt, flachliegend im Paket mit Bauanleitung.

«Cartoon» von Ultraluce
«Cartoon» von Ultraluce

Gut zu wissen

Papier, Karton oder Wellpappe haben eins gemeinsam: Sie sind aus nachwachsenden Rohstoffen gefertigt und gelten deshalb als besonders umweltfreundlich. Dessen ungeachtet löst die Verwendung dieser Materialien für Leuchten oder Möbeln in den meisten Köpfen jedoch Befürchtungen aus: Fängt die Einrichtung bald an zu faulen? Oder brennt das Heim auf einmal lichterloh? Solche Ängste sind zwar nicht völlig unbegründet, aber übertrieben: Als Holzprodukte nehmen Papier, Karton und Wellpappe Feuchtigkeit auf und geben sie bei trockener Raumluft wieder ab – ganz so, wie dies beispielsweise unversiegelter Parkett tut. Produkte aus Wellpappe können dabei selbst in Küche und Bad verwendet werden, sofern sie keinem Spritzwasser ausgesetzt sind, sagt Mechthild Kotzurek-Stange. Die Brennbarkeit wiederum hängt von der Behandlung des Materials ab und ist deshalb von Produkt zu Produkt verschieden. Die nach jahrhundertealter Tradition hergestellten «Akari Light Sculptures» werden beispielsweise mit einem Klebstoff durchtränkt und anschliessend im Ofen gehärtet. Der Hersteller, dem noch nie Probleme in Bezug auf Brandschutz zu Ohren kamen, empfiehlt einzig, für die Leuchten eine Birne von max. 40 Watt zu verwenden.

zvg, Atelier Oï, Andreas Sütterlin («Akari») und Hans Hansen («Wiggle»), beide © Vitra Artikel drucken