Wandbekleidung mit Tapeten

Lange haftete Tapeten das Image des Grossmütterlichen und Bünzligen an. Nun feiern sie mit frischen Farben und bunten Mustern eine Renaissance – und sind nicht mehr aus unseren Räumen wegzudenken.

«Rheinsberg» von Designers Guild
«Rheinsberg» von Designers Guild

Verwendung von Papier zur Wandverzierung hat eine lange Vergangenheit: Bereits aus dem 16. Jahrhundert stammen die ersten Zeugnisse dieser Dekorationskunst, als eine Äbtissin Tapeten an den Wänden ihrer Zelle anbringen liess. Im 17. und 18. Jahrhundert eiferte man in Europa der chinesischen Kultur nach und importierte auch feinste Papiere zur Verwendung in Innenräumen. Später etablierte sich die Tapete in der bürgerlichen Gesellschaft, wo sie bis in die 70-er Jahre des letzten Jahrhunderts ein häufig verwendetes Stilmittel darstellte.

«Grove Garden», Papiertapete von Osborne & Little
«Grove Garden», Papiertapete von Osborne & Little

Danach aber verschwand die Wandfarbe aus den Räumen, und mit ihr die Tapete. Puristisch weisse Wände ohne Musterung feierten einen Siegeszug, der erst in diesem Jahrhundert wieder am Abklingen ist. Um das alte Stilmittel neu zu lancieren, verpflichten einige Hersteller gar Designgrössen wie Karim Rashid zur Gestaltung von Tapeten. Nun sind Wandfarben und Tapeten zurück – bei Kundinnen und Kunden erfreut sich dieses Gestaltungsmittel zunehmender Beliebtheit. «Beim Einrichten beweisen die Menschen wieder Mut zu Farbe», sagt Martina Riedi, Leiterin Tapetenhandel bei Bernasconi in Zürich. Eine Meinung, die in der Branche geteilt wird: «Tapeten entlocken Emotionen und sind wie geschaffen dafür, tolle Akzente zu setzen», sagen die beiden Inneneinrichterinnen Nina Kunz und Edith Anderegg vom Berner Einrichtungsgeschäft Edith Anderegg.

«Folia Wallpaper», Vliestapete mit Flock von Osborne & Little
«Folia Wallpaper», Vliestapete mit Flock von Osborne & Little

Papier, Vlies oder Vinyl

Die Zeiten, in denen Wände vorwiegend mit Papier tapeziert wurden, sind längst vorbei. Heute sind auf dem Markt Tapeten in allen möglichen weiteren Materialien vorhanden: Vlies, Vinyl sowie Textilien wie Wolle, Seide oder Leinen. Überdies lassen sich Tapeten mit weiteren Materialien, etwa Flock, beschichten, was einen 3-D-Effekt erzeugt.

Die einzelnen Tapetenarten unterscheiden sich in ihrer Optik und Haptik, aber auch in ihrer Strapazierfähigkeit und im Preis. Besonders beliebt bei Hobby-Heimwerkerinnen und –heimwerkern ist Vlies. «Der Vorteil von Vliestapeten liegt in ihrer vergleichsweise einfachen Anbringung», sagt Riedi. Wer seine Wand mit einer Vliestapete verkleidet, muss nämlich nicht Bahn um Bahn verkleistern, sondern kann die ganze Wand auf einmal in Angriff nehmen.

«Happy», Vinyltapete von BN International
«Happy», Vinyltapete von BN International

Schier unbeschränkte Gestaltungsmöglichkeiten

Wer sich für eine Tapete als Gestaltungsmittel entscheidet, hat die Qual der Wahl. Das Angebot umfasst Muster und Farben von dezent bis poppig, so dass weder Phantasie noch Wünschen Grenzen gesetzt sind. Und falls das passende Sujet partout in keiner Kollektion zu finden ist, lässt sich im Digitaldruck eine Tapete mit einem eigenen Bild herstellen.

Die Wirkkraft von Tapeten sollte allerdings nicht unterschätzt werden. «Vertikale und horizontale Muster verändern den Charakter eines Raums ebenso wie die Farbe der Tapete», meint Kunz. Knallige, unruhige Muster etwa wirken grossflächig ganz anders als im kleinformatigen Tapetenbuch und können insbesondere in kleinen Räumen zu viel des Guten sein. Meist reicht es deshalb, als Blickfang im Raum nur eine Wand zu tapezieren. Das kann durchaus auch eine Wand mit einer Öffnung sein. «Damit alles passt, sollte der Fensterrahmen in einer Farbe gestrichen werden, die auch in der Tapete enthalten ist», rät Kunz. Bei der Auswahl berücksichtigt werden sollte ausserdem die Beschaffenheit des Raums, für den die Tapete bestimmt ist: Wie sehen die Lichtverhältnisse aus? Wie hoch sind die Wände? Ist der Raum eher lang gezogen oder quadratisch?

Mehrfach prüfen

Der Kauf einer Tapete sollte gut überlegt sein. Nebst der Wirkung im Raum gilt auch zu prüfen, wie die Tapete mit den bereits vorhandenen Farben und Mustern harmoniert. «Ich empfehle den Leuten deshalb, mehrmals im Showroom vorbei zu kommen», meint Riedi, die bei unsicheren Kundinnen und Kunden auch Hausbesuche macht. Edith Anderegg rät zudem, beim ersten Gespräch im Geschäft Fotos des Raums mitzunehmen, für den die Tapete bestimmt ist, und nach Möglichkeit auch Stoffmuster. Bei einem solchen Abgleich scheidet sich die Spreu recht schnell vom Weizen, so dass die Auswahl der Tapete schlussendlich fast von selbst erfolgt. Einen Vorteil haben jene, die ganz neu einrichten: Etliche Tapetenhersteller wie etwa Designers Guild haben auch Stoffe für Vorhänge und Textilbezüge im Sortiment, so dass einem einheitlichen Look nichts im Wege steht.

«Wallpower», Digitaltapete von Eijfinger
«Wallpower», Digitaltapete von Eijfinger

Nicht für jede Wand geeignet

Tapeten brauchen eine glatte Unterlage wie einen Weissputz in Hochqualitätsstandard. Hier stellen sich für Mieterinnen und Mieter die ersten Probleme, sind die Wände in Mietwohnungen doch meist in einem Abrieb gehalten. Wer keinen Maler für einen Weissputz engagieren will, kann auch auf ein Holzpaneel zurückgreifen, das vor der Wand befestigt wird. Von Heimwerkerarbeiten rät Riedi eher ab: «Die einzelnen Stösse liegen eng aneinander an – wer unschöne Anschlüsse vermeiden will, beauftragt einen Profi.» Auch Anderegg und Kunz arbeiten mit einem Maler zusammen, damit sich das Resultat sehen lassen kann. Die Haltbarkeit von Tapeten beträgt übrigens gut zehn Jahre. Ersetzt werden sie meist nicht, weil sie abgenutzt sind, sondern weil sich der Geschmack geändert hat.

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